Welt : Tot unter Fremden

Mitten in der Essener City ist ein Arbeitsloser gestorben – über sechs Jahre lang hat das niemand bemerkt

Michael Köster[Essen]

Die schönen Seiten des Lebens spielen sich allabendlich am Rand der Essener Innenstadt ab: Kulturliebhaber strömen ins Aalto-Theater oder in die neue Philharmonie. Kaum 200 Meter entfernt in einer kleinen Seitenstraße im sogenannten Südviertel lag ein Mann sechseinhalb Jahre lang tot in seinem Bett. Gerademal 59 Jahre alt wurde Heinz-Günter Sommerfeld, und niemand hat ihn offenbar vermisst.

Als ein Schlüsseldienst am Mittwoch gegen 19.30 Uhr im Auftrag eines Gerichtsvollziehers die Tür zu dem Dachgeschoss-Appartement an der Kleiststraße geöffnet hatte, da drang starker Verwesungsgeruch nach außen, überall hingen Spinnweben. Inmitten großer Unordnung machten die begleitenden Polizeibeamten eine grausige Entdeckung: Heinz-Günter Sommerfeld lag tot in seinem Bett, seine skelettierte Leiche steckte in einem Schlafanzug unter einer Bettdecke. Nebenan auf einem Tisch lagen eine Schachtel Zigaretten, ein paar Pfennige und Markstücke sowie eine Fernsehzeitung. Aufgeschlagen war die Seite vom 17. Dezember 2000.

Aber wahrscheinlich ist Heinz-Günter Sommerfeld ein paar Tage vorher gestorben: Einen vom 30. November 2000 datierten Brief des Sozialamtes hatte er offenbar gerade geöffnet. Da sich keinerlei Hinweise auf ein Kapitaldelikt ergaben, geht die Polizei von einem natürlichen Tod aus. Die genaue Ursache ist nach so vielen Jahren nicht mehr feststellbar.

Eine erste Antwort auf die Frage, warum denn niemand etwas bemerkt hat, gibt der Anblick des fast leerstehenden Hauses: An den Balkonen bröckelt der Putz, und die Mieter, deren Namen über den Briefkästen kleben, wohnen längst woanders. Im ersten und zweiten Stock gab es einmal Büros, das Schild einer Telefonagentur prangt noch neben dem Eingang. „Im Erdgeschoss war mal ein türkisches Bestattungsinstitut“, berichtet ein Nachbar. Auch ein Rechtsanwalt soll dort eine Kanzlei betrieben haben.

Heinz-Günter Sommerfeld, der eine der beiden Dachgeschosswohnungen im Haus bewohnte, hat niemand gekannt und niemand vermisst. Dabei hatte er Kontakt zu den Ämtern der Stadt. Der gebürtige Gladbacher war Sozialhilfeempfänger. Mehrere Male hat er Hilfsjobs angeboten bekommen aus dem Programm „Arbeit statt Sozialhilfe“. Die, so Stadtsprecher Detlef Feige, habe er mit dem Hinweis abgelehnt, er habe etwas am Rücken. „Daraufhin hatten wir die Zahlungen eingestellt.“

Wann Heinz-Günter Sommerfeld zum letzten Mal die 458 DM Sozialhilfe kassiert hat, ist unklar. Feige: „Alle Akten sind längst vernichtet. Für uns war der Fall abgeschlossen.“ Der Vermutung, an den Toten sei noch jahrelang Geld gezahlt worden, widerspricht der Stadtsprecher.

Fest steht aber, dass bis April 2002 von seinem Konto pünktlich die Kosten für seine Stromabrechnung an die RWE überwiesen wurden. „Dann hörten die Zahlungen auf, und wir haben das übliche Mahnverfahren eingeleitet“, erklärt eine Sprecherin des Energieversorgers. Als die Mahnungen unbeantwortet blieben, habe man den Strom abgestellt. Das war im Herbst 2002, da lag Heinz-Günter Sommerfeld schon fast zwei Jahre tot in seinem Appartement.

Wegen einer weiterhin fälligen Grundgebühr fragte RWE im Juli 2003 beim Einwohneramt der Stadt nach. „Uns wurde mitgeteilt, er wohne noch in der Kleiststraße“, sagt die Sprecherin. Auch das Ordnungsamt fragte Nachbarn: „Doch niemand kannte den Mann. Alle haben gedacht, er sei ausgezogen“, berichtet Stadtsprecher Feige. Fortan galt Heinz-Günter Sommerfeld als „unbekannt verzogen“.

Inzwischen haben die Behörden ermittelt, dass der Verstorbene einen älteren Bruder in Hessen hat. Offenbar gab es keinen Kontakt mehr.

Der Hausbesitzer wurde wegen der Mietrückstände offenbar nie tätig. Erst nach einer Zwangsversteigerung merkte der neue Eigner jetzt, dass etwas nicht stimmt – und schickte den Gerichtsvollzieher zur Kleiststraße Nummer 2.

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