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Totale Sonnenfinsternis : Noch nie war der Schatten so wichtig

Etwa 90 Minuten lang bewegt sie sich über Nordamerika: Die totale Sonnenfinsternis. Ein Bericht aus Rexburg, Idaho.

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Blick in die Sonne, bevor es dunkel wird.
Blick in die Sonne, bevor es dunkel wird.Foto: Frederik J. Brown/AFP

Ein langer Schatten legt sich über die Vereinigten Staaten von Amerika. Nur dieses Mal hat Präsident Donald Trump damit nichts zu tun. Am Montagmorgen um 10:15 Uhr (Ortszeit) begann an der Westküste ein astronomisches Spektakel, auf das sich US-Bürger und Besucher aus aller Welt schon seit Monaten vorbereiten. 

Im Örtchen Lincoln Beach im Bundesstaat Oregon erreichte der Kernschatten des Mondes den amerikanischen Kontinent und zog in den folgenden rund 90 Minuten Millionen von Menschen in seinen Bann. Die totale Sonnenfinsternis durchzog mehrere US-Bundesstaaten. In einem rund 114 km breitem Streifen bis hinunter nach South Carolina an der Atlantikküste deckte der Mond die Sonne komplett ab und ließ es so am helllichten Tag bis zu 2 Minuten und 40 Sekunden dunkle Nacht werden. 

Die Sonnenfinsternis in Depoe Bay, Oregon, am Montag, 21. 8. 2017.
Die Sonnenfinsternis in Depoe Bay, Oregon, am Montag, 21. 8. 2017.Foto: Reuters

Die Eclipse, so nennen die Amerikaner die Sonnenfinsternis, hat in den USA einen wahren Hype ausgelöst. Viele Städte in der Totalitätszone boten im Vorfeld und am Tag selbst zahlreiche Veranstaltungen zur Sonnenfinsternis an. 

In Riverton, einer sonst eher verschlafenen Kleinstadt im Nordwesten Wyomings, freuen sich Hotel- und Motelbesitzer über ausgebuchte Zimmer, Restaurants bieten Eclipse-Burger an, selbst ein Bilderrahmen-Fachgeschäft lässt es sich nicht nehmen, die schönsten Eclipse-Bilder seiner Kunden zum Sonder-Sonnenfinsternis-Preis zu rahmen. Es gibt Eclipse-T-Shirts, Eclipse-Mützen, Eclipse-Auto-Sonderverkauf, alles Mögliche und Unmögliche mit Eclipse.

"Ugly Motherfuckers of America"

Cliff Coban, Vizepräsident eines ortsansässigen Motorradclubs mit dem etwas rustikalen Namen "Ugly Motherfuckers of America", freut sich über die zahlreichen Besucher in Riverton. "Das ist eine tolle Sache, die wir mit den Einheimischen und den Besuchern feiern wollen", sagt der 52-Jährige dem Tagesspiegel. Er und seine Clubmitglieder engagieren sich über ihren Club für Hospize, Krebskranke und andere sozial Benachteiligte. "Wir feiern gerne und helfen auf diese Weise anderen Menschen", erklärt Cabon, der eine Bar an der Durchgangsstraße in Riverton betreibt. Am Freitag vor der Sonnenfinsternis spielt auf dem Parkplatz seiner Bar die Rockband "Harley and the V-Twins",  getrunken und gegessen wird für den guten Zweck. Am Sonntag folgt die nächste Veranstaltung - wieder für ein Hospiz, wieder mit Eclipse-Touristen. Und am Montag kommt die Nacht am Tage - für zwei Minuten und 13 Sekunden.

Nie war der Schatten so wichtig. Am Montag will niemand im Licht stehen. Zeitungen überhäufen ihre Leser mit den besten Tipps. Sicherheit zuerst: Viele Medien legen den Schwerpunkt ihrer Berichterstattung auf das richtige Beobachten der Eclipse. Der richtige Gebrauch von Schutzbrillen und Tipps fürs Fotografieren. Erst dann folgen Hinweise auf gute Aussichtspunkte und Rahmenveranstaltungen. Aber der geübte Hobbyastronom weiß: Wichtiger als alle Tipps ist ein unverstellter, vor allem wolkenfreier Blick auf das sich verdunkelnde Zentralgestirn. Nichts ist ärgerlicher, als ein paar Schäfchenwolken oder gar ein ausgedehntes Regengebiet zur totalen Sonnenfinsternis. Die Stuttgarter und ihre Besucher werden sich an den verregneten Tag im Sommer 1999 erinnern, als sich in Deutschland zu letzten Mal die Sonne komplett verdunkelte. Die amerikanischen Meteorologen machten in den vergangenen Tagen nur dem Nordwesten der USA große Hoffnungen auf einen blauen, wolkenlosen Himmel.

Und sie behielten eclipse recht. Rexburg, eine Stadt in Idaho unweit vom weltberühmten Yellowstone Nationalpark, liegt in dieser bevorzugten Wetter- und fast genau in der Mitte der Totalitätszone. Zu 88 Prozent wolkenfrei sagt der langjährige Wetterdurchschnitt voraus. Zwei Minuten und 17 Sekunden soll hier die Verdunklung dauern. Schon am Montagmorgen präsentiert sich die 28.000-Einwohner-Stadt gut vorbereitet: an jeder Straßenecke ein Parkeinweiser, die Stadt sieht wie geleckt aus, die Einheimischen grüßen jeden einzelnen Besucher. Auf dem weitläufigen Gelände der Brigham Young University strecken sich schon um sieben Uhr die ersten Teleskope und Kameras gen Himmel, drei Stunden bevor der Mond überhaupt beginnt, das grelle Rund der Sonne anzuknabbern. 

Im Schatten

Bei Sonnenaufgang ergießt sich das strahlende Orange-Gelb über einen fast wolkenfreien Himmel, der sich bis zum Beginn der Sonnenfinsternis komplett aufklärt. Rexburg, Verwaltungszentrale des Countys Madison, wolkenfrei. 

"85.000 Besucher wurden im gesamten County erwartet", erklärt Darik Anderson, Freiwilliger im Organisationsteam, dem Tagesspiegel. Lokalzeitungen spekulierten über den größten Touristenandrang in der Geschichte und sagten sogar wegen der "Horden von Anreisenden"   eine Benzinknappheit voraus. Anderson, der sonst als Techniker arbeitet, hilft heute den Besuchern einen Parkplatz zu finden und versorgt sie mit den letzten Informationen. "Das befürchtete Verkehrschaos ist zum Glück ausgeblieben", sagt er. "Everything is smooth."

Dann um genau 11 Uhr, 33 Minuten und 14 Sekunden ist es auch auf der Wiese unterhalb des Mormonen-Tempels in Rexburg stockfinster. Am Himmel zeigt sich die schwarze Sonne, und darunter sitzen und stehen die Menschen und sind einfach nur begeistert, fasziniert, emotional berührt von diesem Naturschauspiel. Von einem Naturschauspiel, das im Grunde genommen nur daraus besteht, im Schatten zu sein.

Die nächste totale Sonnenfinsternis steht am 2. Juli im südlichen Pazifik, Argentinien und Chile an. Wem das zu weit ist, der muss bis zum 12. August 2026 warten. Dann zieht der Kernschatten quer durch Spanien. Reiseunlustige Deutsche brauchen noch mehr Geduld: 3. September 2081. Und mit einem wolkenfreien Himmel kann da sicher nicht gerechnet werden. 

Sonnenfinsternis in den USA
Frauen in Venezuela bedecken ihre Augen mit Alufolie, während sie die Sonne hinter dem Mond verschwinden sehen.Weitere Bilder anzeigen
1 von 12Foto: Andres Martinez Casares/Reuters
21.08.2017 20:46Frauen in Venezuela bedecken ihre Augen mit Alufolie, während sie die Sonne hinter dem Mond verschwinden sehen.

 


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