Tote Säuglinge : Experten streiten über Babyklappen

03.01.2008 12:26 Uhr

Während die Ermittler immer noch keine Hinweise auf die Mutter des toten Babys in Hannover haben, wurde in Karlsruhe ein weiterer Säugling in einer Babyklappe tot aufgefunden. Das Kinderhilfswerk terre des hommes übt derweil harte Kritik an den Einrichtungen.

Karlsruhe/HannoverNur wenige Stunden nach dem Fund eines erfrorenen Säuglings vor einer Babyklappe in Hannover ist in der Nacht in Karlsruhe ein totes Kind in eine Babyklappe gelegt worden. Das lebend geborene Mädchen hatte nach Angaben der Karlsruher Polizei keine äußeren Verletzungen. Die Polizei ermittelt wegen Totschlags. Die Babyklappe wird von der Hardtstiftung betreut.

Unterdessen hat die Staatsanwaltschaft in Hannover Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung eingeleitet. "Zur Zeit gibt es keine Anhaltspunkte, dass das Baby absichtlich neben die Klappe gelegt wurde, um es erfrieren zu lassen", sagte  die Sprecherin der Staatsanwaltschaft Hannover, Kathrin Söfker.

Die Ermittler gehen im Moment davon aus, dass der Junge lebend gefunden werden sollte.

Ermittler glauben in Hannover nicht an Tötungsabsicht

Nachdem die Babyklappe in Karlsruhe eine halbe Stunde vor Mitternacht Alarm ausgelöst hatte, fanden Mitarbeiter der zuständigen Hardtstiftung den bereits toten Säugling eingewickelt in ein Leintuch. "Das Baby war nach Auskunft des Notarztes reif geboren und hatte keine äußeren Verletzungen", teilte ein Polizeisprecher mit. Die genaue Todesursache soll durch eine von der Staatsanwaltschaft angeordnete Obduktion des Leichnams festgestellt werden. Die Polizei appellierte an die Mutter des Babys, sich freiwillig zu melden.

Die Ermittler in Hannover glauben derzeit nicht an eine Tötungsabsicht. "Es ist auch möglich, dass derjenige, der den Säugling abgelegt hat, nicht verstanden hat, wie die Klappe zu öffnen ist oder dass die Babyklappe nicht funktionsfähig war", betonte Söfker. Spezialisten der Polizei und des Landeskriminalamtes Niedersachsen überprüfen nun die Funktionsfähigkeit der Klappe.

Noch kein Hinweis auf Mutter des Jungen

Das Neugeborene war am Mittwochmittag zufällig vor der Babyklappe eines Hannoveraner Krankenhauses entdeckt worden. Der Junge lag in ein Frotteetuch eingewickelt in einem Stoffbeutel. Nach dem vorläufigen Obduktionsbericht starb das Kind an mangelnder Versorgung. Außerdem war es unterkühlt. Es war offensichtlich erst im neuen Jahr zur Welt gekommen, die Nabelschnur war noch nicht abgetrennt.

Die Rechtsmediziner gehen davon aus, dass der Junge mehrere Stunden auf den eiskalten Treppenstufen vor der Babyklappe gelegen hat. Um die Anonymität der Mütter zu wahren, ist der Keller-Zugang nicht videoüberwacht. Es gibt auch keine Kontrollgänge. Ob der Junge bereits tot war, als er dort hingelegt wurde, lasse sich nicht mehr eindeutig feststellen, hieß es. Sicher sei, dass das Baby lebend geboren wurde. Gewalteinwirkungen konnten die Rechtsmediziner ausschließen. Hinweise auf die Mutter des Jungen gibt es bislang nicht.

Kinderhilfswerk kritisiert Babyklappen

Das Kinderhilfswerk terre des hommes hat nach den jüngsten Todesfällen seine Kritik an den Babyklappen erneuert. Diese schadeten mehr als sie nützten, sagte der Adoptionsexperte Bernd Wacker in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa. "Die Zahl ausgesetzter oder getöteter Kinder ist seit der Einführung der Klappen nicht zurückgegangen." Zudem drohten Kindern, die anonym geboren werden, später seelische Schäden, weil sie niemals ihre Herkunft erfahren könnten. Ein Sprecher des Netzwerkes "Mirjam", das für das Babykörbchen in Hannover verantwortlich ist, betonte, die Klappe sei lediglich der letzte Ausweg. Viele Befürworter betonen, dass jeder in einer Babyklappe abgelegte Säugling ein gerettetes Kind sei.

In Deutschland und Österreich gibt es nach Angaben des Hamburger Vereins SterniPark derzeit mehr als 80 Babyklappen; die Website Babyklappe.info verzeichnet 60 Klappen in 53 deutschen Städten.

Verhungerter Robin möglicherweise am Noro-Virus erkrankt

Unterdessen wurde bekannt, dass der am zweiten Weihnachtsfeiertag tot aufgefundene zweijährige Robin aus dem sächsischen Kirchberg vor seinem Tod möglicherweise mehrere Tage lang allein in der Wohnung gelassen worden ist. Es gebe eine entsprechende Zeugenaussage, die diesen Verdacht nahe lege, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. Der 23 Jahre alten Mutter des Jungen, die sich im Haftkrankenhaus in Leipzig befindet, wird Totschlag durch Unterlassen vorgeworfen.

Unklar sei nach wie vor auch, wieso der Junge in nur wenigen Tagen so stark abmagern und schließlich verhungern und verdursten konnte. Das Ergebnis eines virologischen Gutachtens werde voraussichtlich am Freitag vorliegen. In der Kita, die Robin bis 17. Dezember besuchte, hatte es vor Weihnachten mehrere Fälle von Noro-Viren gegeben. (saw/ddp/dpa)

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