Totes Mädchen in Schwerin : Alle haben weggesehen

Nach dem Tod der unterernährten, fünfjährigen Lea-Sophie in Schwerin steht das zuständige Sozialamt in der Kritik. Mitarbeiter des Jugendamtes waren erst vor zwei Wochen zum Hausbesuch bei der Familie. Aber selbst die Großeltern hatten den Zustand des Mädchens ignoriert.

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Fassungslosigkeit und Entsetzen In diesem Haus ließen die Eltern ihre Tochter Lea-Sophie hungern. -Foto: dpa

SchwerinDie Großeltern von Lea-Sophie zeigten sich fassungslos und entsetzt über das Verhalten ihrer Kinder. "Es geht nicht in meinen Kopf, wie so etwas passieren konnte. Das hätte ich nie gedacht", sagte die Mutter des am Mittwoch festgenommenen 26 Jahre alten Vaters des Mädchens "Spiegel Online". "Wir hatten mit den beiden lange nichts mehr zu tun, weil wir das Gefühl hatten, sie sind zu faul, um arbeiten zu gehen." Dennoch habe man bemerkt, dass das Paar "Probleme hatte", räumte die Frau ein. Die Eltern von Lea-Sophie sind beide arbeitslos.

Beide hätten sich merkwürdig benommen und die Enkelin in der jüngsten Zeit auch den Eltern der 23 Jahre alten Mutter vorenthalten, obwohl zu denen ein besseres Verhältnis bestanden habe. "Jetzt mache ich mir natürlich Vorwürfe", sagte der Vater des 26-Jährigen.

Der Vater der Mutter von Lea-Sophie zeigte sich gegenüber "Spiegel Online" vollkommen fassungslos. "Wir können uns nicht erklären, was passiert ist. Etwa acht Wochen lang haben wir unsere Enkelin nicht gesehen - und jetzt das. Es ist furchtbar", sagte er. Das Mädchen sei immer klein und zart gewesen, eine Frühgeburt, aber "eigentlich war doch alles in Ordnung". "Ich will, dass alles restlos aufgeklärt wird. Vielleicht weiß ich dann am Ende auch, was ich falsch gemacht habe."

Unterdessen wird die Leiche der Fünfjährigen obduziert. Das Ergebnis wird noch am Nachmittag erwartet. Anschließend sollen die Eltern des Kindes dem Haftrichter vorgeführt werden, sagte Oberstaatsanwalt Hans-Christian Pick. Gegen sie wird wegen Tötung durch Unterlassen ermittelt.

Übersahen die Behörden die Anzeichen?

Unterdessen erhebt der Vorstandsvorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft der Kinderschutzzentren, Georg Kohaupt, schwere Vorwürfe gegen das zuständige Jugendamt. Es sei für ihn "schwer vorstellbar", dass die Jugendamtsmitarbeiter bei ihrem Hausbesuch vor zwei Wochen nichts festgestellt hätten, sagte Kohaupt am Donnerstag im ZDF-"Morgenmagazin". In der Regel sei es sichtbar, wenn ein Mädchen in diesem Alter abgemagert sei. Jetzt müsse deshalb geklärt werden, wer was übersehen habe.

Schwerins Sozialdezernent hatte eingeräumt, dass dem Jugendamt Hinweise auf eine mögliche Vernachlässigung von Lea-Sophie vorlagen. Es gebe jedoch keine einheitlichen Qualitätsstandards in den Jugendämtern, kritisierte Ehrmann. Vielerorts werde etwa Alkoholismus der Eltern nicht abgefragt.

Kinderhilfe: Das System ist überfordert

Bei dem Tod von Lea-Sophie handelt es sich nicht um einen Einzelfall, betonte der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Kinderhilfe Direkt, Georg Ehrmann. Der Fall sei "ein weiterer tragischer Beweis, dass unser in den vergangenen Jahren systematisch heruntergekürztes Kinder- und Jugendhilfesystem auf die Herausforderungen der wachsenden Kinderarmut und Überforderung von Eltern nicht mehr reagieren kann".

Das fünf Jahre alte Kind war in der Nacht zum Mittwoch kurz nach seiner Einlieferung in einem Schweriner Krankenhaus gestorben. Die Eltern hatten zuvor den Notarzt alarmiert. Das zweite Kind der Familie, ein nur wenige Wochen alter Junge, wurde vom Jugendamt in einer Pflegefamilie untergebracht. (mit dpa/ddp)