Tourismus : "Israelis unerwünscht"

Nach dem langen Armeedienst flüchten viele junge Israelis in die weite Welt. Frei von allen Verpflichtungen. Nicht immer sind sie willkommen, denn sie gelten als laut und frech.

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Touristen im Süden Thailands.
Touristen im Süden Thailands.Foto: AFP

Indien. Irgendwo hunderte Kilometer östlich der letzten heiligen Kuh. Ein gottverlassenes Nest mit einem Teehaus. Gesprochen wird weder Hindi noch ein örtlicher Dialekt. Iwrit, die neuhebräische Sprache Israels, ist angesagt, gleich an mehreren Tischen. Zwei junge Pärchen sitzen sich gegenüber, machen Bekanntschaft. Hier Eli und Lilach, dort Chagai und Tamar. Natürlich lautet die erste Frage: „Woher kommt ihr?“ Und als Eli sich als Kibbuznik aus Baram zu erkennen gibt, findet dies Chagai einen wundersamen Zufall: „Ich habe Verwandte dort“. Nur kennt er sie nicht, hat sie nie gesehen, diese um Sieben-Ecken-Verwandten. Es vergehen nur Sekunden, dann weiß er, dass sie vor ihm sitzen. Chaggais Cousine ist mit dem Onkel von Eli verheiratet. Über zwanzig Lebensjahre lang ist man sich im kleinen Israel nicht begegnet, dafür jetzt im unendlichen Indien.

Zufall? Eher nicht. Denn dass die jungen Israelis nach ihrem überlangen Wehrdienst in die weite Welt hinausziehen, ist für sie eine Selbstverständlichkeit, für ihre Eltern vielfach ein Albtraum, genauso wie für etliche Herbergsbesitzer und Ladeninhaber in Lateinamerika und Asien. Man bricht aus den strengen Rahmen der Schule und vor allem der Armee aus, verdrängt oder vergisst den Schrecken der Prüfungen und der Kämpfe. Ohne Noten und ohne Gewehr, ohne elterliche Fürsorge und ohne Befehle des Kommandanten, ohne Blutvergießen und ohne Tote. Frei von allen Verpflichtungen und Konventionen. Endlich leben und nicht nur gehorchen.

Drei Jahre Wehrdienst, für junge Männer ab dem 18. Lebensjahr, zwei für junge Frauen, plus mindestens ein zusätzliches Jahr für Offiziere sind für die meisten schon schlimm genug. Auch ohne die ständige Hochspannung während des Dienstes in den besetzten palästinensischen Gebieten oder entlang der Grenzen gegenüber den radikalislamistischen Hisbollah- und Hamas-Kämpfern. Von den Zusammenstößen mit der palästinensischen Zivilbevölkerung, den Aufständen gegen die Besatzungsmacht, kleineren und größeren Feldzügen, den Kriegen in mindestens jedem Jahrzehnt staatlicher Existenz ganz zu schweigen.

Jetzt sitzen sie in bequemen Korbstühlen auf einem Balkon mitten im alten Tel Aviver Stadtzentrum und reflektieren. Der doppelte Eyal, Oren, Niv, Yael, Zoe und wie sie alle heißen. Freunde aus Schulzeiten, die in der Armee auf den verschiedensten Posten gelandet sind: Fallschirmjäger, Patrouillenfahrer, Infanteristen, Panzerkommandant, Angehörige von Kommandoeinheiten, Instruktorin, Büroleiterin. Einer fehlt. Gefallen in einem Hinterhalt. Oren vernahm die Schreckensnachricht auf der Reise, brach sie nach acht Monaten ab – „deshalb fehlt mir Brasilien“ – und reiste sofort heim. Eyal war noch in der Armee und fiel in eine Depression, aus der er sich auf seinen neun Monaten weitab von zu Hause befreite. „Er ist immer bei uns, auch jetzt“.

Goa, der sagenhafte indische Strand, wohin angeblich 30 000 der insgesamt jährlich 50 000 Armee-Abgänger fliegen sollen? „Vergiss diese Zahlen und all die legendären Geschichten. Natürlich zieht der Ort eine gewisse Schicht an. Doch immer mehr meiden ihn. Denn wenn ich später einmal einen Job suche und sage, dass ich in Goa war, dann leuchtet in den Köpfen der Personalvermittler das Schreckenswort ,Drogen’ rot auf – meist zu Recht – und ich kann weiter suchen.“ „Goa ist schon okay, aber nur für kurze Zeit, sonst sinkst du ab. Du kannst anderswo genauso alles von hier vergessen und total frei sein.“

Dann fallen die Namen: Thailand, Indien, Nepal in Asien. Japan für diejenigen, die Geld machen wollen. Immer öfter auch Australien und Neuseeland. Vor allem aber Mexiko, Guatemala, Chile, Ecuador, Peru, Bolivien, Argentinien und Brasilien.

Wie die beiden Eyals, die gemeinsam neun Monate am anderen Ende der Welt unterwegs waren. „Ein Kamerad lag schwerverletzt neben mir. Und die Zusammenstöße mit der palästinensischen Polizei und der Zivilbevölkerung bei den Straßensperren im Westjordanland waren brutal. Gaza ist die Hölle, die Schlacht um das Josefsgrab war fürchterlich.“ Zwar reiste Eyal Krauzer zuerst einen Monat in die USA als „Akt der Befreiung“. Jedoch: „Ich bin nicht geflüchtet vor dem, was ich gesehen habe. Obwohl ich Schlimmes erlebt habe.“ Er wollte „ein anderes Leben, andere Landschaften sehen und erleben.“ Eyal Gil – ein Bruder war in Südamerika, ein anderer in Japan unterwegs gewesen – stimmt zu: „Wir sprachen bereits vor der Armee davon und entschlossen uns dann endgültig, weil es so Norm war unter den Freunden.“ Oren stimmt zu: „Uns allen war klar, dass wir reisen würden. Das war Standard unter Freunden.“

„Wir haben gemacht, was wir wollten. Bis wir genug hatten und uns ehrlich wieder auf daheim freuten.“ Sie wichen bewusst Orten aus, wo viele Israelis waren. Denn deren Ruf ist nicht immer der beste, oder schlicht: er ist extrem mies. Auch den Gästehäusern der ultrareligiösen Habbad-Bewegung gingen sie aus dem Weg. Insbesondere „flohen wir vor dem legendären Sederabend zu Beginn des Pessachfestes. Wir gingen trekken und aßen absichtlich Nudeln“ – was während Pessach strikt verboten ist.

Zwei Mal hat Eyal „den Libanon gefressen“, dort gekämpft. „Zwar sind mein Kommandant und ein Kamerad aus meiner Einheit gefallen. Doch ich wollte dies weder verdrängen noch musste ich dies im Nachhinein bewältigen.“ Er sei den „Lebensweg vieler junger Israelis“ gegangen und die mehrmonatigen Reisen „an Orte, wo alles gut ist“ seien für ihn ein „Ziel, das ich erreichen musste. Auch weil ich wusste, dass ich es später, nach Studium und Familiengründung, nie mehr erreichen könnte.“ Er sei aber auch in Südamerika Israelis begegnet, die ihre Reise ganz anders sahen. Denen es nicht gut ging, die ihre Probleme – meist aus ihrer Dienstzeit, aber auch aus dem Privatleben – nicht los wurden.

Oren wollte endlich nicht nur immer Befehlen gehorchen, darum sei er nach Südamerika gereist. Mit seiner damaligen Freundin, seiner heutigen Gattin, war er zwar in der Armee. „Aber ich reiste bewusst ohne sie. Ich wollte allein sein, aufarbeiten, hatte deshalb die Freiheit auch von Bekannten und Freunden nötig.“ Und im Nachhinein fühlt er sich bestätigt: „Ich fühlte mich befreit. Das pure Gegenteil von der Armee. Keine Grenzen, niemand sagt dir, was du machen musst.“ Später ging es dann doch mit der Freundin noch für ein halbes Jahr nach Indien und Nepal.

Mochileros heißen auf Spanisch die Trekker, Rucksackträger. Weil wohl die meisten der jungen israelischen Nach-Armee-Trekker sich in Mittel- und Südamerika auf möglichst gefährlichen Pfaden herumtreiben, wird der spanische Name in ihrer Heimat mit hebräischer Pluralendung spöttisch zu „Mochilerim“ verballhornt. Viele dieser „Mochilerim“ haben dafür gesorgt, dass sie in Lateinamerika über einen schlechten Ruf verfügen. Nicht wenige scheinen beweisen zu wollen, dass das Wort Chuzpe hebräischen Ursprungs ist. Sie sind laut und frech, ungezügelt und unverschämt, wissen nichts, aber alles besser, wagen und fordern viel. Kein Wunder, dass neben unzähligen hebräischen Schildern, welche die Israelis anlocken sollen, auch solche anzutreffen sind, auf denen schlicht „Israelis unerwünscht“ steht. Oder dass Niv in Chile in einer Herberge erklärt wird, es gebe „keinen Platz für Israelis“.

Auch Zoe stieß auf ihrem Südamerikatrip auf manche Vorbehalte gegenüber Israelis. „Aber auch auf viele Einheimische, die mit uns ihren Lebensunterhalt verdienen und dankbar und freundlich waren“, erzählt sie. Die beiden Eyals erlebten gar eine Begegnung der anderen Art: „Irgendwo kam ein junger Österreicher auf uns zu, der gehört hatte, dass wir Israelis seien und sagte: „Ich möchte mich entschuldigen. Ich bedaure zutiefst alles, was wir eurem Volk angetan haben.“ Eyal Krauzers Familie stammt aus Österreich. Bei dem fremden jungen Mann handelte es sich um den Kapitän der österreichischen Rugby-Nationalmannschaft.

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