Transrapid-Prozess : "Das war ein Kollisions-Kommando"

23 Menschen starben im September 2006 auf der Transrapid-Teststrecke im Emsland - jetzt hat in Osnabrück der Prozess gegen zwei leitende Mitarbeiter begonnen. Der Betriebsleiter weist jede Verantwortung für die Todesfahrt zurück.

Daniel Staffen-Quandt,Stefan Ludwig[ddp]
Transrapid-Prozess
Der verunglückte Transrapid auf der Teststrecke im Emsland. -Foto: ddp

OsnabrückDen 22. September 2006 wird Günter S. so schnell nicht vergessen. Der heute 67-Jährige war damals mit dem Wohnwagen im Urlaub, als ihn die Nachricht vom tödlichen Unfall auf der Transrapid-Teststrecke im Emsland erreichte. Gerade einmal seit sechs Wochen war der ehemalige Betriebsleiter der Anlage im Ruhestand, erzählte er am Dienstag zum Auftakt des Transrapid-Prozesses vor dem Osnabrücker Landgericht. Gleich mehrmals versagte S. an diesem Tag die Stimme, als er von der Teststrecke und dem Unfall erzählt. Er und sein Nachfolger sind wegen fahrlässiger Tötung und Körperverletzung angeklagt.

Die beiden Fahrdienstleiter hätten an diesem Tag alle Regeln und Betriebsvorschriften missachtet, die man habe missachten können, sagte Günter S.: "Es ist praktisch ein Kollisions-Kommando gewesen: Fahrt die Kollision!" Ihm sei es bis heute nicht erklärlich, "wie der Fahrer bei bester Sicht eine Minute auf das Hindernis zufahren konnte". S. räumte aber auch ein, dass die Teststrecke im Emsland aus inzwischen veralteter Technik bestehe. "Die ganze Anlage ist ein Mosaik an alter Technik. Den Fahrweg würde man nie so bauen, das ist ein Entwicklungsfehler", erläuterte der frühere Betriebsleiter.

"Menschliche Fehler" am Tag des Unglücks

Auch Günter S.s Nachfolger Jörg M. wird jener 22. September womöglich ewig verfolgen. Es sei der bislang schlimmste Tag seines Lebens gewesen, sagte er. An jenem Tag, gegen 9:54 Uhr, prallte auf der Teststrecke in Lathen eine Magnetschwebebahn mit 170 Stundenkilometern auf einen auf der Trasse stehenden, 50 Tonnen schweren Werkstattwaggon. Bei dem Unfall starben 23 Menschen, elf wurden verletzt. Jörg M. war damals gerade seit sechs Wochen Betriebsleiter der Anlage, nun steht er wegen fahrlässiger Tötung und Körperverletzung vor Gericht.

Zum Prozessauftakt wies der 50-Jährige jegliche Mitschuld an dem Unglück zurück. Er sei seiner Verantwortung "in vollem Umfang nachgekommen", sagte er. Den Hinterbliebenen und Opfern des Unglücks sprach der Elektrotechniker sein "Mitgefühl und Bedauern" aus. Betont nüchtern schilderte er dem Gericht, mit welchen Richtlinien die Sicherheit auf der Teststrecke gewährleistet werden sollte. Laut Jörg M. waren sie ausreichend, um solche Unfälle zu verhindern. Am Tag des Unfalls seien "menschliche Fehler" gemacht worden, räumte Jörg M. ein. Auch ihm sei unverständlich, dass der Fahrdienstleiter Günther M. die Fahrt freigegeben und der Fahrzeugführer seine Fahrt trotz freier Sicht ohne zu bremsen fortgesetzt habe.

Streit zwischen den Fahrdienstleitern

Unmittelbar vor dem Unfall soll es laut Jörg M., der am Tag des Unfalls nicht auf dem Testgelände war, im Leitstand zu einem Streit zwischen den beiden Fahrdienstleitern und einem dritten Mitarbeiter gekommen sein. Das bestätigt auch Günter S. Direkt nach dem Unglück soll einer gesagt haben: "Scheiße. Und die elektrische Sperre haben wir auch nicht gesetzt." Der Streit habe die Mitarbeiter offenbar von ihren eigentlichen Aufgaben abgelenkt, sagte Jörg M. Dabei soll es um ein "noch nicht genehmigtes" Versuchsverfahren gegangen sein.

Oberstaatsanwalt Hubert Feldkamp sagte, die beiden Betriebsleiter seien ehrenwerte Männer. Jörg M. und Günter S. seien stets um die Sicherheit der Anlage bemüht gewesen. Die Schuld der beiden Männer sei daher im unteren Bereich anzusiedeln. Doch der Hauptangeklagte Fahrdienstleiter Günther M., der den Transrapid damals auf seine todbringende Fahrt schickte, steht derzeit nicht vor Gericht. Sein Gemütszustand sei zu labil, er gebe sich die Schuld an dem Tod der 23 Menschen und sei deshalb latent selbstmordgefährdet.

Feldkamp sagte, er begrüße die vorübergehende Einstellung des Verfahrens gegen Günther M. Niemand habe ein Interesse daran, einen labilen Menschen durch ein öffentliches Verfahren in Lebensgefahr zu bringen, sagte er und fügte hinzu: "Wir wollen den 23 Todesopfern des Transrapid-Unglücks kein 24. hinzufügen." Das Verfahren gegen den 58-jährigen Hauptbeschuldigten Günther M. wurde vom Gericht abgetrennt und wegen Verhandlungsunfähigkeit vorläufig eingestellt.

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