Transrapid-Unfall : "Das ist unser Eschede"

Nach dem schweren Unfall des Transrapid beginnen die Ermittlungen. Bundeskanzlerin Merkel überbrachte Beileidsbekundungen der gesamten Bundesregierung. Das Land Niedersachsen will einen Hilfsfonds einrichten.

Lathen - Bilder des Grauens bieten sich dem Betrachter am Freitag im Emsland: über Hunderte Meter entlang der Transrapid-Teststrecke liegen Trümmer, auf den Stelzen steht der Magnetschwebezug, dessen vorderer Teil zerfetzt ist. Der Transrapid war gegen 9.30 Uhr auf einen Werkstattwagen gerast, der dort nicht hätte stehen dürfen. 23 Menschen sterben, 10 Menschen werden teils schwer verletzt in umliegende Krankenhäuser gebracht.

"Das ist unser Eschede", sagt ein fassungsloser Dieter Sturm. Der Sprecher des Landkreises Emsland zieht damit Parallelen zum Bahnunglück in der südniedersächsischen Stadt im Jahr 1998 mit 101 Todesopfern. Sturm, der Journalisten durch die Trümmerwüste führt, muss zeitweise nach den passenden Worten ringen: "Wenn Sie mich nach den größtmöglichen Katastrophen im Emsland gefragt hätten, wäre mir das Kernkraftwerk in Lingen oder der Ausbruch der Geflügelpest eingefallen, aber niemals ein Unfall mit dem Transrapid."

Ähnlich bestürzt zeigen sich Bundeskanzlerin Angela Merkel und Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (beide CDU). "Außerdem möchte ich das Mitgefühl der gesamten Bundesregierung überbringen", sagt die Kanzlerin mit leiser Stimme. Wulff betont: "23 Jahre lang haben wir uns an den störungsfreien Betrieb des Transrapid gewöhnt. Jetzt sind wir umso geschockter." Die Landesregierung will nun unverzüglich einen Hilfsfonds für die Hinterbliebenen der Opfer einrichten.

Ursache wahrscheinlich menschliches Versagen

Unglücksursache scheint entgegen erster Meldungen doch menschliches Versagen zu sein, wie der ermittelnde Staatsanwalt Alexander Retemeyer betont. Allerdings sei ein technischer Defekt in der Funkkommunikation nicht auszuschließen. Probleme im Sicherheitssystem des Zuges schließt Retemeyer aus. "Wenn alle Bestimmungen eingehalten worden wären, wäre dieser Unfall nicht möglich gewesen", sagt auch Rudolf Schwarz von der Betreibergesellschaft IABG.

Wie üblich war am Morgen ein mit zwei Personen besetztes Sonderfahrzeug zur alltäglichen Reinigung und Begutachtung der rund 30 Kilometer langen Trasse aufgebrochen. Normalerweise wird es laut Retemeyer anschließend im Garagenhof abgestellt und dem Transrapid die Fahrtfreigabe erteilt. Nicht so am Freitag. Wahrscheinlich habe der Lokführer sogar noch in Notsignal gesendet und die Notbremsung eingeleitet. All das kam jedoch zu spät.

Zusammenprall riss die Fahrerkabine auseinander

Am Pfeiler mit der Nummer 120 an der Teststrecke war der Schwebezug am Morgen in die Arbeitsbühne gekracht. Bei dem Zusammenprall riss die Fahrerkabine auseinander. Das erste Drittel des Zuges wurde völlig zerstört und das mittlere Segment zusammengequetscht. Nur im hinteren Teil hatten die mehr als 200 Rettungskräfte ungehinderten Zugang. Sie konnten zunächst zehn teilweise schwer verletzte Menschen aus dem Wrack bergen. Die erste Leiche wurde im vorderen Teil entdeckt. Dabei soll es sich nach Polizeiangaben um einen der beiden Zugführer handeln.

Erst am frühen Abend gelingt es, den mittleren Teil freizulegen. Dabei bietet sich den Helfern jedoch ein Bild des Grauens. Sie finden nur noch Leichen und keine Überlebenden. "Die Angehörigen sind einfach nur traurig und geschockt", sagte Priester Andreas Hasken, der als Seelsorger vor Ort war: "Man kann ihnen nichts sagen, was tröstet, sondern kann einfach nur da sein und vielleicht gemeinsam beten". (tso/ddp)

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