Welt : Trauer um Queen Mum: Hinter dem Lächeln ein eiserner Wille

Hendrik Bebber

"Wenn man ihr entrücktes Lächeln sah, schien sie schon unter den Seligen zu weilen", beobachtete der Hauskaplan die Königinmutter bei der Andacht in der St. Georgs Kapelle. Hier saß sie am 15. Februar auf den Tag genau vor dem Sarg ihrer jüngeren Tochter Prinzessin Margaret, an dem ihr Mann Georg VI. vor 50 Jahren begraben wurde. Nun wird sie an seiner Seite die letzte Ruhe nach einem langen und wechselvollen Leben finden. Sie starb friedlich im Schlaf in ihrem Gartenpalais im Windsor-Schloss. Die Königin war am Sterbebett ihrer Mutter zusammen mit dem Hausgeistlichen.

Ihr Lieblingsenkel Prinz Charles hat den Skiurlaub mit seinen Söhnen William und Harry in Klosters abgebrochen. Ebenso kehren andere Mitglieder der Königlichen Familie wie das Herzogspaar von Gloucester aus dem Osterurlaub zurück, um sich auf den großen Staatsakt vorzubereiten, mit dem die Königinmutter beigesetzt wird.

Obwohl ihr Gesundheitszustand sich seit einem halben Jahr rapide verschlechtert hat, herrschte lange Zeit eine gewisse Hoffnung, dass sich die Königinmutter wieder erholt. Vor zwei Wochen nahm sie an einer kleinen Party im Vorfeld des Cheltenham-Rennens teil, auf das sich die passionierte Pferdenärrin so freute und das sie auch besuchen wollte. Sie freute sich ebenfalls auf die großen Feierlichkeiten zum Goldenen Thronjubiläum ihrer Tochter im Juni und hoffte bis dahin wieder auf den Beinen zu sein.

In knalligen Bonbonfarben

Für viele Briten ist es unvorstellbar, dass die Garde nie mehr vor ihrem Londoner Stadtpalast "Happy Birthday to you" schmettert, wenn sie alljährlich die Glückwünsche und Geschenke ihrer vielen Freude und Bewunderer entgegen nahm, die in der "Lieblingsoma der Nation" das unerschütterliche Fundament des Königshause sahen. Ungeachtet der wachsenden Debatte über Sinn- und Unsinn der Monarchie, gab es in Großbritannien wohl nur wenige, die der "Queen Mum" nicht alles Gute zum Geburtstag wünschten. Selbst Willie Hamilton, der glühende Monarchiefeind im Parlament, fühlte sich bei einer Begegnung mit der Königinmutter "gefangen" von ihrem "Charme und ihrer Liebenswürdigkeit. "Bewundernswert, wie sie jeden umgarnt," musste er widerwillig zugeben.

Eingedenk ihrer Maxime: "Pflichterfüllung ist die Miete, die man für das Leben zahlt", schränkte sie sich auch im hohen Alter kaum bei ihren öffentlichen Aufgaben ein. Über 300 Organisationen - von den Dackelzüchtern bis zur Stiftung für krebskranke Kinder - schätzten sie als engagierte Schirmherrin. In vielen Offizierskasinos hängt das Erinnerungsfoto von ihren Truppenbesuchen: Zwischen den zitronensauer blickenden Offizieren wirkte die alte Dame im schweren Make-up und ihrer bonbonfarbigen Garderobe wie ein fröhlicher Kullerpfirsich. Doch nach den Hüftoperationen und ihrem langen Bronchienleiden wirkte die Königmutter in den letzten Jahren immer zerbrechlicher. Schonen wollte sie sich deswegen nicht und stieg tapfer mit ihren zwei Gehstöcken Kirchentreppen hinauf oder benutzte beim Weg durch die jubelnde Menschenmenge das "Queen Mum Mobil", einen elektrischen Golfwagen in den knalligen Farben ihres Rennstalls.

Wie kein anderes Mitglied der Königsfamilie zuvor, suchte sie stets den direkten Kontakt mit ihren Untertanen und hat den populären Stil der Royals begründet. Besonders hingezogen fühlte sie sich zu Künstlern, Schauspielern, Schriftstellern und Musikern und ließ kaum eine Galapremiere aus. Ihre größte Leidenschaft war der Pferdesport, besonders Jagdspringen. Und wenn bei einem Rennen einmal ein Pferd aus dem königlichen Stall gewann, war die "Queen Mum" schier aus dem Häuschen und genehmigte sich einen extra großen "Gin und Tonic". Der Drink schien wohl das Geheimnis ihrer erstaunlichen Frische und lange so eisernen Gesundheit zu sein.

Um die Kosten für ihre Wettleidenschaft und die üppigen Abendgesellschaften, die sie mehrmals in der Woche gab, musste sich die königlichen Pensionärin nicht sorgen. Umgerechnet mehr als eineinhalb Millionen Euro gab ihr das Parlament jährlich als Apanage und für ihren Londoner Stadtpalast brauchte sie ebenso wenig Miete bezahlen, wie für ihre Landsitze in Windsor und Schottland. Während ihre Tochter strengste Sparmaßnahmen für den königlichen Haushalt verkündet hat, lebte die letzte "Kaiserin von Indien" im gewohnten Stil weiter. Bei 50 Bediensteten und täglichen Parties und Empfängen reichte aber selbst ihre riesige Rente nicht aus.

So musste die Königin ihrer Mutter bei den Schulden in Millionenhöhe aus der Patsche helfen. Den losen Umgang mit Geld sahen ihr die Briten ebenso nach, wie die konservativen Ansichten der Seniorin, mit der sie sich in der Vergangenheit den Reformplänen der jüngeren Mitglieder des Königshauses entgegen stemmte. Darunter litt besonders Prinzessin Diana, die der Königinmutter mit "misstrauischer Distanz" begegnete. Sie machte Diana zum Vorwurf, dass sie nicht wie sie einst als "Lady Elizabeth Bowes-Lyon" ihre Rolle als Königin mit Anstand und Würde aus füllen wollte. Dabei wurde das zweitjüngste von neun Kindern eines schottischen Grafen nur durch einen Geschichtsunfall Königin. Unter den vielen Verehrern, die die bildschöne Grafentochter hatte, war Prinz Albert nicht der attraktivste. Der zweitälteste Sohn von König Georg V. stand immer im Schatten seines älteren Bruders David. Im Gegensatz zu dem charmanten und überaus populären Kronprinzen war Albert scheu und linkisch.

Er stotterte, litt unter Magengeschwüren und nervösen Anfällen. Auf einem Hofball verliebte er sich im Sommer 1920 schwer in die junge Lady aus dem schottischen Hochland. Elizabeth lehnte seinen ersten Antrag ab, aber war dann doch so von seiner Hartnäckigkeit beeindruckt, dass sie ihm 1923 das Jawort gab. Das Paar führte eine glückliche Ehe und legte viel Wert auf das Familienleben mit ihren Töchtern Elizabeth und Margaret.

Georg V. starb 1936 und Prinz David folgte ihm unter dem Namen Edward VIII. Auf den Thron. Schon nach wenigen Monaten Regierungszeit 1936 entsagte er der Krone, um die geschiedene Amerikanerin Wallis Simpson zu heiraten.

Die Bürde fiel nun auf den völlig unvorbereiteten Albert. Von Zweifeln an seiner Fähigkeit geplagt, aber im Bewusstsein seiner Pflicht nahm er als George VI. die Krone an. Hofhistoriker rühmen, wie sehr seine energische und weltgewandte Frau ihrem unbeholfenen Mann geholfen hat, in diese schwierige Rolle hineinzuwachsen. Seitdem verbirgt sich ihr stählerner Wille hinter der permanenten Maske eines liebenswürdigen Lächelns. Die Königinmutter konnte es Wallis Simpson nie verzeihen, dass sie der Grund für die Abdankung ihres Schwagers wurde. Ebenso warf sie dem Paar vor, dass sie sich als "Herzog und Herzogin von Windsor" in die Propaganda der Nazis einspannen ließen und Staatsgäste Hitlers wurden.

Beistand im Bombenhagel

Elizabeths Popularität wuchs in den Kriegsjahren, als sie während der Bombenangriffe in London blieb und sich persönlich um die Opfer kümmerte. "Der König bleibt in England und ich und die Kinder bleiben, wo der König ist", mit diesen Worten lehnte sie das Angebot an, sich wegen der Bombenangriffe nach Kanada in Sicherheit zu bringen. Als auch der Buckingham Palast zerstört wurde, sagte die Königin erleichtert: "Jetzt kann ich den Bewohnern Ostlondons wenigstens unbefangener ins Auge schauen."

Hunderttausende jubelten ihr 1995 zu, als das "Symbol der Nation" das Fest im Hyde Park zum 50. Jubiläum des Kriegsendes eröffnete und zum Abschluss mit der unübersehbaren Menschenmenge vor dem Buckinghampalast kräftig nostalgische Lieder mitsang.

Es wurde von ihr behauptet, dass sie immer an Kriegserinnerungen gefesselt war -besonders was das Verhältnis zu Deutschland anbelangte. Angeblich machte sie sich privat über "Hunnen" und "Teutonen" lustig und hätte auch gegen Prinz Philip wegen seiner deutsch-griechischen Ahnen starke Vorbehalte gehabt.

Das freilich entspricht genauso wenig dem herzlichen öffentlichen Umgang mit ihrem Schwiegersohn wie der Tatsache, dass sie deutsche Bundespräsidenten bei Staatsbesuchen stets zu langen Plauderstündchen beim Tee empfing. Fest steht jedoch, dass die Königinmutter auch gegen starke Bedenken in der britischen Öffentlichkeit ein Denkmal für "Bomber Harris" einweihte und die Patronin des Traditionsverbandes der Bomberbesatzungen ist. Die wenigen Kritiker die sie hat, werfen ihr auch Verschwendungslust und reaktionäre Ansichten von der Todesstrafe bis zur kolonialen Bevormundung Afrikas vor.

Es dauerte fast ein Jahr nach dem Tode Georg VI, bis seine Witwe aus dem Buckingham Palast auszog, um ihrer Tochter Platz zu machen. Die beiden Elizabeths hatten jedoch ein inniges Verhältnis und jeder Arbeitstag der Königin begann mit einem Anruf ihrer Mutter, was der Telefonvermittlung des Buckingham Palastes höchste Sprachfertigkeit abverlangte: Eure Majestät, Ihre Majestät, die Königinmutter ist am Apparat, Eure Majestät." Die Queen Mum hatte sich nie mit der Rolle einer Witwe begnügt, sondern beanspruchte weiter ihren alten Titel.

Für ihren Lieblingsenkel Prinz Charles war sie wie die Nation einfach die "Queen Mum" und die Briten erinnern sich mit seinen Worten an die Frau, die zum Höhepunkt des britischen Weltreichs geboren wurde, von dem bei ihrem Tode nur noch winzige Fleckchen übrig geblieben sind: : "Seit ich sie kannte, war sie immer der Inbegriff von Freundlichkeit, guter Laune, und Weisheit."

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