• Trauerfeier für Mandela: Der Gebärdendolmetscher neben Barack Obama war ein Scharlatan

Trauerfeier für Mandela : Der Gebärdendolmetscher neben Barack Obama war ein Scharlatan

Thamsanqa Jantjie fuchtelte mit den Armen. Aber der Gebärdendolmetscher neben Barack Obama bei der Trauerfeier für Mandela war ein Scharlatan. Der Fall zeigt, wie Südafrika in einen Sumpf aus Korruption sinkt. Sehen Sie hier auch ein Video.

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Thamsanqa Jantjie fuchtelt sinnlos in der Luft herum.
Thamsanqa Jantjie fuchtelt sinnlos in der Luft herum.Foto: AFP

Millionen von Fernsehzuschauern sahen ihn während der Trauerfeier für Nelson Mandela direkt neben US-Präsident Barack Obama stehen, sahen wie er mit den Armen fuchtelte, sein Gesicht verzerrte oder längere Zeit regungslos verharrte – und ahnten nicht, dass sich hinter dem Gebärdendolmetscher Thamsanqa Jantjie offensichtlich ein dreister Scharlatan verbirgt. Erst erboste Beschwerden von Gehörlosen-Verbänden scheinen den 34-Jährigen nun entlarvt zu haben. Carla Loening, die Direktorin der Gebärdensprachenschule SLED hatte dem Dolmetscher gleich nach dem Auftritt vorgeworfen, ein Schwindler zu sein. „Da war kein Zeichen, gar nichts“, empörte sie sich. „Der Mann hat buchstäblich nur mit dem Armen gewedelt“.

Gehörlosen-Verbände beschwerten sich: Seine Gesten hatten keinen Sinn

Andere Gehörlosen-Gruppen bestätigten, dass Jantjies Gebärden völlig unverständlich gewesen seien, obwohl dieser nach Angaben des südafrikanischen Übersetzer-Instituts ein staatlich anerkannter Gebärdendolmetscher ist. Allerdings erklärte der Institutsvorsitzende Johan Blaauw gestern, es habe bereits zuvor immer wieder Beschwerden über Jantjie und dessen fehlende Kompetenz gegeben. So seien schon bei seinen Auftritten auf Parteitagen des regierenden Afrikanischen Nationalkongresses (ANC) wiederholt Klagen eingegangen, ohne dass die Partei, die sich gerne mit ihrem Eintreten für die Rechte Behinderter brüstet, in irgendeiner Weise darauf reagiert hätte.

Nicht wenige Beobachter erinnert diese Nachsicht an das ähnlich lasche Vorgehen des ANC gegenüber vielen seiner Mitglieder, die unter Korruptionsverdacht stehen. Strafen sind inzwischen die Ausnahme, was den raschen Werteverfall Südafrikas in der Post-Mandela-Ära erklärt. Oft werden loyale ANC-Kader selbst dann nur auf andere Posten abgeschoben, wenn sie mit beiden Händen in der Kasse oder bei einer anderen Missetat ertappt werden. Die inzwischen auch am Kap weit verbreitete Vetternwirtschaft könnte auch die Anstellung des Übersetzers erklären: Unter Beobachtern gilt als wahrscheinlich, dass dieser womöglich vor allem wegen seiner guten Beziehung zu Freunden in der Regierung für die Trauerfeier eingestellt wurde – völlig unabhängig von seiner Kompetenz. „In Südafrika sind gute Kontakte in politische Kreise und die schwarze Hautfarbe inzwischen oft wichtigere Anstellungskriterien als Wissen oder Verdienst“, sagt Anthea Jeffery vom renommierten Institute of Race Relations in Johannesburg.

ANC-Chef Jacob Zuma wurde ausgebuht

Während der ANC gestern versuchte, den peinlichen Zwischenfall unter den Teppich zu kehren und eine Untersuchung für die Zeit nach der Beerdigung Mandelas in Aussicht stellte, machte der Übersetzer selbst einen „schizophrenen Anfall“ für sein Auftreten verantwortlich. Er habe im Kopf Stimmen gehört, die Konzentration verloren und plötzlich begonnen, zu halluzinieren. „Ich konnte überhaupt nichts dagegen tun“, sagte er der Johannesburger Tageszeitung „The Star“ – eine Erklärung, die Experten wie Loening umgehend als unglaubwürdig zurückwiesen.

Auch Sicherheitsexperten schüttelten angesichts der lockeren Anstellungspraktiken für die Feier nur den Kopf: Die Tatsache, dass der umstrittene Übersetzer während der Trauerfeier direkt neben den mächtigsten Politikern der Welt stehen konnte, habe ihn zu einem akuten Sicherheitsrisiko gemacht, hieß es. Auf Facebook und Twitter wurde der bizarre Auftritt des Übersetzers gestern heiß debattiert. Der ANC war im Anschluss an die Trauerfeier nicht nur wegen des Übersetzers, sondern auch der Buhrufe gegen seinen Präsidenten Jacob Zuma in die Defensive geraten. Für viele Südafrikaner verkörpert der 71-Jährige die Antithese zum Volkshelden Mandela. Selbst ANC-Anhänger scheinen der ständig neuen Skandale Zumas inzwischen derart überdrüssig, dass sich ihr tiefer Frust nun Bahn bricht. Zumal an einem Tag, an dem der Tod von Nelson Mandela sie besonders schmerzlich daran erinnerte, wie tief die frühere Widerstandsbewegung und ihre heutigen Führer in nur wenigen Jahren gesunken sind.

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