Trauma-Psychologe : "Sie werden dem Leben immer hinterher laufen"

24 Jahre lang hielt ein ehemaliger Elektrotechniker seine Tochter in einem Verlies, drei der per Missbrauch sieben gezeugten Kinder sahen nie das Tageslicht. Tagesspiegel.de sprach mit dem Trauma-Psychologen Christian Lüdke über die seelischen Folgen für die Opfer.

Der Fall Amstetten übertrifft schon hinsichtlich der Dauer das Martyrium von Natascha Kampusch. Können die Opfer von Amstetten nach so langer Zeit in Gefangenschaft je wieder ein normales Leben führen?



Auf keinen Fall. Die Opfer haben schwerste Traumatisierungen erlebt und waren nicht in der Lage normale Bindungen einzugehen, sich normal gesund zu entwickeln. Allein die Tatsache, dass sie nur dem Kunstlicht ausgesetzt waren, heißt ja auch, dass es massive körperliche Beeinträchtigungen gibt.

Wie können sie ins normale Leben zurückzufinden?

Es wird lange dauern, bis sie in der jetzt für sie neuen Welt ihren Platz finden. Auch wenn sie das Glück haben, sehr stabile Menschen um sich herum zu haben, Menschen, zu denen sie Vertrauen fassen können und die ihnen Sicherheit geben können, werden sie dem Leben immer hinterher laufen. Aber sie haben dennoch Möglichkeiten, am Leben teilzunehmen. Anders als ohne dieses Martyrium, aber dennoch haben sie eine reelle Chance.

Die Täter in Missbrauchs-Fällen stammen oft aus der Familie - so auch im Fall von Amstetten. Wie wirkt sich das auf die Opfer aus?

Die Tatsache, dass der Täter aus der Familie kommt ist natürlich eine zusätzliche Belastung. Es ist wie ein Makel, an das sie ein Leben lang erinnert werden. Das macht einen Verarbeitungsprozess um so schwerer. Sie werden auch extreme Schwierigkeiten haben, sich später in Beziehungen oder Partnerschaften, komplett davon zu befreien.

Wie kann man den Opfern helfen?

Sie brauchen zunächst einmal ganz viel Ruhe und Abstand. Das ist quasi wie bei Menschen, die einem Erfrierungstod entkommen sind. Die würde man auch nicht sofort in eine Sauna stecken. Man muss sie ganz langsam und vorsichtig akklimatisieren und nur mit wenigen, vielleicht ein, zwei Bezugspersonen allmählich in Kontakt treten. Man muss schauen, wo sie Stärken haben, die man weiter entwickeln kann, um ihnen dann für die Zukunft zu helfen.

Die Gefahr, dass die Opfer in einem so aufsehenerregenden Fall in die Medien gezerrt werden, ist groß. Wie wichtig ist es, die Frau und ihre Kinder davor zu schützen?

Ich halte es aus sachlicher Sicht für extrem wichtig, dass sowohl die Frau als auch die Kinder vor den Medien geschützt werden. Sie wissen ja überhaupt nicht, was da passiert. Man darf sie jetzt auf keinen Fall zur Schau stellen, um damit Geschichten zu schreiben und Quoten zu erreichen. Man sollte hier wirklich respektieren, dass hier Menschen sind, die ein unvorstellbares Martyrium überlebt haben. Man sollte ihnen Wertschätzung geben und sie selber bestimmen lassen, wann der richtige Zeitpunkt ist, die Öffentlichkeit über ihr Martyrium zu informieren.

Das Interview führte Bertram Küster

Psychotherapeut Christian Lüdke ist Experte für Traumapsychologie und Mitglied im Fachbeirat Medizin und Psychologie beim Opferschutzbund Weißer Ring. Zuletzt veröffentlichte er das Buch "Die Curry-Clique - Geschichten zur Gewaltprävention."

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