Welt : Treibt die Angst vor dem Jahrtausendwechsel die Menschen ins Übersinnliche?

Christoph Strack

Übersinnliches liegt im Trend. Das Interesse an Astrologie, Aberglaube und Magie wächst seit Jahren kontinuierlich. Wie aktuell das Thema ist, zeigt der Wirbel um den Low-Budget Film "The Blair Witch Project", der demnächst auch in Deutschland anläuft. Die verwackelte Gruselstory rund um die so genannte Blair-Hexe überraschte mit ihrem Erfolg in den USA alle Kinoexperten. Der alte Volksglaube am Magier und Dämone erfreut sich auch Ende des Jahrtausends ungebrochener Beliebtheit.

Tanzt die Hexe also doch am Blocksberg? Steckt der Teufel nicht nur im Detail? Das ergründen derzeit die wissenschaftlichen Experten auf diesem Gebiet im oberschwäbischen Weingarten. Die Tagung "Dämonische Besessenheit - Zur Interpretation eines kulturhistorischen Phänomens" in der kirchlichen Diözesanakademie Rottenburg-Stuttgart ist so etwas wie ein Gipfeltreffen der Hexenforschung. Unter den gut 50 Teilnehmern sind die weltweit führenden Köpfe der wissenschaftlichen Debatte. Einer von ihnen ist Dieter Bauer, Referent für Geschichte an der Akademie. "Die Vorstellungen von Hexen und Dämonen", sagt der Experte für die Erforschung von Hexenglauben und Magie, "sind nie ganz abgebrochen. Und seit 20 Jahren nehmen sie wie alle Irrationalismen sogar wieder zu." Dem Thema ist der 48-jährige Historiker bereits seit 15 Jahren verbunden. Damals, so erzählt er, sorgten "feministische Aktivitäten" der ersten Mainacht im Oberschwäbischen für Furore. Dazu gab es eine erste Akademietagung, aus der sich 1985 der "Arbeitskreis Interdisziplinäre Hexenforschung" entwickelte.

So debattieren nun Historiker, Kulturwissenschaftler, Mediziner, Psychologen und Theologen aus Australien ebenso wie aus den USA in Weingarten. Leute wie der Rotterdamer Historiker Hans de Waardt. Bis vor gut zehn Jahren habe der wissenschaftliche Schwerpunkt auf der statistischen Erfassung der "Hexerei" aller Jahrhunderte gelegen, erläutert er. Immerhin wurden in Europa nach vorsichtigen Schätzungen 50 000 bis 80 000 Menschen, ganz überwiegend Frauen, unter diesem Vorwurf getötet. In jüngerer Zeit interessiere sich die Forschung stärker für die Gründe: Wieso kam es in diversen Wellen überhaupt zu dem Phänomen, warum wurden welche Frauen beschuldigt, weshalb beschuldigte wer? Der Schwerpunkt der Erforschung von Hexerei und Zauberei verlagert sich zunehmend von den Verfolgungen und strafrechtlichen Verfahren hin zu den Inhalten des magischen Weltbildes. Heute, so erläutert der Niederländer, wird zum Beispiel stärker gefragt: "Wann ist jemand besessen, wann krank, wann heilig?"

Dass eine kirchliche Einrichtung zu solch einem Thema einlädt, ist für die Hexenforscher kein Hindernis. Die Zeit der Vorbehalte sei vorbei. "Abrechnungen" mit der Kirche, unter deren Regie Tausende "Hexen" gefoltert und getötet wurden, gebe es zwar noch in populären Wühltisch-Büchern, nicht aber in wissenschaftlichen Werken, meint Bauer. So nehmen Historiker das Exorzismus-Ritual der Kirche von 1614, das erst zu Beginn dieses Jahres von einer Neufassung abgelöst wurde, als rationalistische Auseinandersetzung mit dem Thema ernst. Gerade die Kirche, sagt de Waardt, habe sich seit vielen Jahrhunderten mit dieser Frage befasst, nicht nur strafend, sondern auch wissenschaftlich.

Ob die magische Euphorie zum Schritt ins neue Jahrtausend zunimmt? De Waardt rechnet mit einer Welle öffentlichen Interesses. "Dass so etwas wie Hexen oder Besessenheit so thematisiert wird, hat mit dem Zeitgeist zu tun. Und in Europa steigt das Interesse an Irrationalem." Auch Bauer erwartet, dass das öffentliche Interesse am Besessenheitsphänomen zur Jahrtausendwende weiter anwächst. "Es ist eben ein Endzeitthema."

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