Trends : Die Ufos fliegen nicht mehr

Vor 50 Jahren wurde die Frisbee-Scheibe erfunden. Sie flog an Baggerseen und durch Stadtparks. Nun ist sie out. Eine Hommage

Karin Ceballos Betancur

Es gab eine Zeit, da konnte man sommers in den Park gehen, sich auf die Wiese setzen und musste nicht lange warten, um von einem saftigen Nackenschlag niedergestreckt zu werden, wie er nur Jungfrauen mit schlaffer Oberarmmuskulatur gelingt. Wenn sie eine Frisbee-Scheibe werfen. Ich meine das überhaupt nicht gehässig. Ich selbst war einst eine dieser Jungfrauen. Ich weiß, wovon ich spreche. Und wie unschön es aussieht, wenn Rentnern gewölbte Plastikscheiben zwischen den Zahnreihen stecken. Deswegen habe ich das Werfen von Gegenständen inzwischen weitgehend eingestellt.

Angesichts dieser sportlichen Kollateralschäden mag sich die Zahl der Menschen, die den schleichenden Abschied der Frisbee-Scheiben vom öffentlichen Raum bedauern, in engen Grenzen halten. Ich war dort, ich habe sie gesucht, die Werfer und Schläger, aber sie waren nicht mehr da. Im Park spielen sie heute Badminton, Hacky-Sack oder Gitarre, essen Wurst und laufen ihren schreienden Kindern hinterher. Unbeschwerte Ödnis. Geworfen wird nichts, jedenfalls keine Frisbees. Und das ausgerechnet an ihrem 50. Geburtstag. Es ist schon auch ein bisschen traurig.

Vielleicht hält die Behauptung, dass die Welt gegen Ende des 19. Jahrhunderts noch ziemlich in Ordnung war, keiner historisch-wissenschaftlichen Analyse stand, vor allem dann nicht, wenn man den Amerikanischen Bürgerkrieg in Betracht zieht. Fest steht allerdings, dass es dem Jahr 1871 gelang, genügend Zuversicht zusammenzukratzen, um einen jungen Konditor namens William Russell Frisbie, gebürtiger New Engländer, von Branford, Connecticut, ins beschauliche Bridgeport des nämlichen Bundesstaats umsiedeln zu lassen. Ursprünglich hatte man ihn als Manager einer neuen Bäckerei, der „Olds Baking Company“, angeworben. Doch bald übernahm er die Filiale, sein eigenes Geschäft, mit sechs Angestellten.

Die „Frisbie Pie Company“ verkaufte hausgemachte Kekse und Torten auf runden Blechen, und dem Inhaber gefiel es, selbige mit seinem Namen zu versehen. Man kennt das. Selbst große Fast-Food-Ketten haben sich dieser cleveren Marketingstrategie längst angeschlossen, allerdings verfügt ein Big-Mac-Karton über deutlich weniger Freizeitmehrwert als ein Tortenboden. Was nachzuweisen sein wird. Frisbie Senior jedenfalls verstarb im Jahr 1903. Fortan backte sein Sohn, Joseph P. Frisbie, auf den Blechen seines Vaters weiter, bis auch er 1940 verstarb. Seine Witwe backte weiter, bis zum Ende. In ihrer Blütezeit brachte es die „Frisbie Pie Company“ auf 200 Angestellte und eine Produktion von 80 000 Torten pro Tag. Eine Menge Blech, that’s it.

Während sich die Firmengeschichte einer gründlichen Dokumentation erfreut, ist bedauerlicherweise nicht überliefert, wer als Erster auf die aerodynamischen Eigenschaften der Frisbie’schen Tortenformen aufmerksam wurde. War es ein Wink des Schicksals, eine Windböe, die den Weg von der Hand zum Papierkorb zufällig beschwingte? Oder ein kreativer Geist, der absichtsvoll mit Müll experimentierte? Mitte der 40er Jahre des 20. Jahrhunderts jedenfalls werden erstmals Studenten der Yale Universität vermehrt dabei beobachtet, wie sie Frisbie-Bleche über statt auf den Campus werfen, der in unmittelbarer Nachbarschaft zur Bäckerei liegt.

Nicht unerwähnt bleiben soll, dass Original-Frisbie-Bleche bei Ebay heute zwischen 25 und 50 Dollar gehandelt werden. Der Kenner unterscheidet zwischen Anzahl und Anordnung der Belüftungslöcher am Boden der Schalen (manchmal sternförmig, manchmal F-förmig, manchmal gar nicht vorhanden), zwischen runden und quadratischen Blechen, wobei sich der womöglich eingestanzte Hinweis „5 cents deposit“ positiv auf den Verkaufspreis auszuwirken vermag. Zudem gibt es zwei Schulen, die erbittert um die Deutungshoheit streiten. Die Tortenfraktion behauptet, dass es ursprünglich die Tortenbleche waren, die man einander zuwarf, während die Plätzchenfraktion schwört, es seien die Keksdeckel gewesen. Einvernehmen hat man offenbar darüber herstellen können, dass der Werfer das Wort „Frisbie“ ausrufen musste, bevor er sein Blech auf den Weg brachte. Ein Brauch, der über die Jahre leider in Vergessenheit geraten ist.

An diesem Punkt der Geschichte kommt nun völlig überraschend Walter Frederik Morrison ins Spiel. Die Legende will, dass der Mann als Kind Frisbie-Kuchen verkaufte. Was nicht ohne Folgen blieb. Sein Vater hatte dereinst die Monoblock-Scheinwerfer für Personenkraftfahrzeuge erfunden. Ein schweres Erbe. Und so begann Morrison früh, sich mit Großem zu beschäftigen, genauer gesagt: mit dem Weltraum, der uns umgibt, ein seinerzeit durchaus nicht ungewöhnlicher Zeitvertreib.

Um ein Stück vom außerirdischen Glück auf die Erde zu holen, entwickelte Morrison Anfang der 50er Jahre eine Scheibe, die der Form einer fliegenden Untertasse nachempfunden war. Dabei beschränkte er sich zunächst darauf, die durchaus nicht idealen Flugeigenschaften einer flachen Scheibe zu verbessern, indem er runde Metallplatten durch zusätzliche Ringe am Rand stabilisierte. Später stellte er die Produktion auf Plastik um. 1947 hatte er den ersten Prototypen erdacht, vier Jahre später den verbesserten Nachfolger, die „Pluto Platte“. Mit Rillen auf der Oberseite, um die Flugbahn zu stabilisieren. Schließlich erklärte sich die Firma Wham-O aus Kalifornien bereit, seine Erfindung im großen Stil herzustellen, so dass am 13. Januar 1957 in Spielzeugläden der amerikanischen Westküste die ersten schwebenden Scheiben zum Kauf angeboten werden konnten.

Kalifornische Strandbesucher wurden bald unsanft auf die ungewollten Nebenwirkungen des neuen Freizeitvergnügens aufmerksam. Und wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass es nur sieben weitere Jahre dauerte, bis der stumme Oddjob in „James Bond – Goldfinger“ seinen Hut frisbiesk als Mordwaffe zum Einsatz brachte. Weil dem Unternehmen der Absatz aber dennoch zu schleppend verlief, machte sich Firmenpräsident Richard Knerr auf, um die Spielzeugscheiben kostenlos an den Universitäten der Ostküste verteilen zu lassen – womit er allerdings nur ein müdes Lächeln erntete, war das Frisbie-Torten- respektive Keksblech-Werfen in Yale und Harvard längst guter Brauch geworden. Weil ihm der Name gefiel, mit dem die Studenten die Ur-Scheibe bezeichneten, ließ Knerr das Spielzeug 1959 unter dem Namen „Frisbee“ registrieren. Angeblich ohne zu wissen, woher der Name stammte. Ein Jahr nach dem Aus für die alte Bäckerei Frisbie Pie Company aus Bridgeport, Connecticut.

Man könnte nun vermuten, dass auch die Geschichte an diesem Punkt endet, sich bestenfalls noch zu einem Appell aufschwingt, der dazu aufruft, die beinahe grenzenlosen und brachliegenden Müllmöglichkeiten der Gegenwart auszuloten, lustige Partyspiele mit Currywurstschalen und Pommesgabeln. Aber das tut sie nicht. Dies ist eine seriöse Geschichte.

In der deshalb erwähnt werden muss, dass es Menschen gibt, die durchaus wissen, was sie tun, wenn sie den raffinierten Plastikbruder eines nordamerikanischen Backblechs zur Hand nehmen und ihn beherzt in die Luft schleudern. Die das Ganze sogar als ernst zu nehmenden Sport betreiben, der unter dem Namen „Ultimate Frisbee“ läuft. Keine zehn Jahre nach dem Auftauchen der kommerzialisierten Frisbie-Scheibe wurde 1964 die International Frisbee Association (IFA) gegründet. 1968 präsentierten Studenten der Columbia High School in New Jersey Ultimate Frisbee als Mannschaftssportart, eine Disziplin, die Elemente des amerikanischen Basketballs und Footballs in sich vereint. Seit 1983 finden sogar Weltmeisterschaften statt.

Dazu braucht es zunächst einmal ein Spielfeld von 64 Metern Länge und 37 Metern Breite. Die Endzonen des Felds betragen zusätzlich jeweils 18 Meter, was 100 Meter Gesamtlänge macht. In der Halle spielen fünf gegen fünf, auf dem Feld sieben gegen sieben Spieler. Um einen Punkt zu machen, muss man die Scheibe in der gegnerischen Endzone fangen. Im Spiel darf die Scheibe maximal zehn Sekunden gehalten werden; wer sie hält, darf sich nicht mehr von seinem Standort wegbewegen. Das Spiel endet, wenn eine Mannschaft 19 Punkte erreicht hat.

Zu den besonderen Goodies aller Frisbee-Varianten gehört, dass es keine Schiedsrichter gibt. Irgendwie wäre die Vorstellung auch albern bei einem Sport, der seine Tradition darauf zurückführt, dass Studenten auf einem amerikanischen Universitätscampus eines Tages auf die Idee verfielen, sich mit Abfall zu bewerfen. Als kleinlich muss es allerdings jeder, der einmal Opfer einer Parkjungfrau geworden ist, empfinden, dass die Spieler sich während der Partie nicht einmal berühren dürfen.

Der Rekord für den weitesten Frisbeewurf liegt bei exakt 250 Metern und wird von Christian Sandstrom aus Schweden gehalten. Neben den USA und Kanada gilt Skandinavien als Frisbee-Mekka. In Deutschland gibt es rund 2000 aktive Spieler, die in 70 Vereinen und Gruppen organisiert sind, weltweit sind es mehr als 100 000. Geworfen wird, was gefällt, die original Wham-O-Scheiben, Discs, die im Dunkeln leuchten oder unter Wasser flitzen.

Beim „Frisbee-Golf“ zählt zu den Voraussetzungen für das Spielfeld, dass es sich als „Hindernisparcours“ eignen muss, Park oder Wald oder hügeliges Gebiet, wobei die Hindernisse nicht zwingend aus Menschen, sondern auch aus Bäumen bestehen dürfen. Es gibt unterschiedliche Scheiben für unterschiedliche Spielsituationen, die in Gewicht und Beschaffenheit variieren: Driver, Midrange, Putter. Als Ziele für die Scheibe können neben dem offiziellen Wettkampf-Disc-Golf-Korb in 1,40 Meter Höhe auch Mülleimer oder Pfosten gewählt werden. Bei dieser Variante werfen die Spieler abwechselnd in Richtung Zielkorb. Weitergespielt wird an der Stelle, an der die Scheibe zuletzt liegen geblieben ist. Eine Art anarchisches Mini-Golf-Spiel.

Die Variante Friskee zeichnet sich dadurch aus, dass zwei Mannschaften mit mindestens drei Spielern versuchen, die Scheibe auf einem ebenen Rasenplatz durch zwei Torfelgen zu bewegen, die einen Durchmesser von circa 70 Zentimetern haben und in etwa 2,40 Meter Höhe fest montiert sind. Das Spielfeld muss mit Pässen überbrückt werden.

Beim Freestyle-Frisbee handelt es sich um das, was uns schon am Baggersee immer genervt hat. Es geht um Posen. Um Delay zum Beispiel, bei dem die rotierende Scheibe auf den Fingernägeln ausbalanciert wird. Oder Body-Roll, bei dem es gilt, die Scheibe über Arme, Beine oder andere Körperteile rollen zu lassen. Brush bezeichnet das Verstärken der Rotation durch Schlagen mit der Hand oder mit dem Fuß, Catch das Fangen der Scheibe unter dem Bein hindurch, hinter dem Kopf oder dem Rücken. Punkte werden für Schwierigkeit, Ausführung und künstlerischen Ausdruck verteilt.

Schließlich kann man auch seinen Hund nach der Scheibe rennen lassen. Seit drei Jahren ist das sogenannte Disc-Dogging auch in Deutschland offiziell als Hundesportart anerkannt, inklusive spezieller Hunde-Frisbees mit hoher Bissfestigkeit. Erfunden wurde allerdings auch diese Variante in den USA, angeblich von einem Mann namens Alex Stein, der Anfang der 70er Jahre während der Pause eines Baseball-Spiels in Los Angeles mit seinem Hund und einer Frisbee-Scheibe über das Feld jagte und so auf die wieder ein Stück weniger begrenzten Möglichkeiten des Sports aufmerksam machte.

Die Internetseite „Zehn gute Gründe für die Einführung von Ultimate Frisbee in den Sportunterricht“ ist nicht mehr zugänglich. Das ist einerseits schade. Andererseits fällt es spontan nicht schwer, auf 100 gute Gründe zu kommen, die dagegen sprechen. Rund 80 davon sind Beulen und blaue Flecken. In der Präambel zur Satzung des Deutschen Frisbeesport-Verbands heißt es, für seine Mitglieder gelte es, „den besonderen Geist zu stärken und zu schützen, der den Frisbeesport auszeichnet. Dieser stellt sich ein, indem im sportlichen Wettkampf im Gegenüber der Partner und nicht der Gegner gesehen wird. Gekämpft wird nur um die Überwindung der eigenen sportlichen und persönlichen Grenzen. Die so entstehende friedliche Atmosphäre verdeutlicht den Anspruch des Frisbeesports, Menschen im gemeinsamen Vergnügen an Geschicklichkeit und Spiel zusammenzubringen, um schließlich im Spiel und durch das Spiel miteinander leben zu lernen.“ Das allerdings klingt gut und überzeugend. Vielleicht habe ich der Scheibe in der Vergangenheit Unrecht getan. Bestimmt sogar. Natürlich wirft diese Geschichte schwierige Fragen auf. Handelt es sich etwa beim Song „Das Blech“, mit dem die Gruppe Spliff 1982 einen Hit landete, um eine subtile Anspielung auf die Entstehungsgeschichte der Frisbee-Scheibe? Müssen wir die hintergründige Textzeile „Sie rütteln sich und schütteln sich, es geht squbidububabeludidudum – da fliegt mir doch das Blech weg“ vor diesem Hintergrund völlig neu bewerten? Und war das Tortenattentat des Kommune-1-Mitbegründers Fritz Teufel auf den US-Vizepräsidenten Hubert Humphrey am Ende gar kein revolutionärer Akt, sondern nur Resultat einer missverstandenen Gebrauchsanweisung? Hat er vergessen, die Torte zu entfernen? Wollte Teufel nur spielen? Fragen über Fragen. Und vor uns ein langer Sommer, um Antworten darauf zu finden.