Triad : Geisterbahn in die Zukunft

Die Konkurrenz schien übermächtig. 150 Bewerber, darunter der denkbar größte: Walt Disney. Gewonnen aber hat das Berliner Unternehmen Triad. Es baut nun auf der Expo in Schanghai den Pavillon „Urban Planet“ – eine Vision der Versöhnung von Zivilisation und Natur.

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Goldener Bulle Triad-Gründer Lutz Engelke vor seinem Berliner Büro mit Wandtrophäe. Foto: D. Spiekermann-Klaas
Goldener Bulle Triad-Gründer Lutz Engelke vor seinem Berliner Büro mit Wandtrophäe. Foto: D. Spiekermann-Klaas

Im Kaufhaus des Westens meldet sich plötzlich der Ferne Osten. Es war der 31. Dezember 2007: „Ich stand gerade in der Fernsehabteilung des KaDeWe, da kam der Anruf aus China“, erzählt Lutz Engelke, Gründer und Geschäftsführer der „Triad Projektgesellschaft“ in Berlin. Vermutlich ist Engelke gleich beflügelt in die Champagnerabteilung des Hauses gewechselt. Denn eine Stimme aus dem Handy sagte: „Die Schanghai Expo 2010 hat entschieden, die Entwicklung des ,Urban Planet‘ an Triad Berlin zu vergeben.“

„Urban Planet“, das ist der Name eines der fünf chinesischen Themen-Pavillons auf der größten Weltausstellung aller Zeiten, die nun am 1. Mai in Schanghai für sechs Monate ihre Tore öffnen wird. Nach dem chinesischen Kalender war 2007 das Jahr des Schweins, doch an jenem Silvestertag hatten Lutz Engelke und sein Berliner Team wohl mehr als einfach nur Schwein gehabt oder das Glück des Tüchtigen. Die Firma Triad gehört zu den Pionieren der im neuen Berlin so sagenhaften Kreativwirtschaft – einer Branche, die vom Solo-Werbeagenten und Kleingaleristen bis zum internationalen Musiklabel ziemlich viel umfasst. Auch allerhand Mut und Risiko. Schon deshalb lässt sich die im Schweinejahr begonnene Schanghaigeschichte am kürzesten mit einem Lieblingswort des Tarantino-Spielers und Oscarpreisträgers Christoph Waltz begreifen: „Überbingo!“

Das Expo-Motto heißt „Better City, Better Life“. Eine optimistisch doppelbödige Herausforderung für die etwa 200 teilnehmenden Länder. Zumindest dann, wenn sie mit ihren nationalen, oft von Wirtschaftsunternehmen mitgetragenen Präsentationen in einer Zeit der Umweltzerstörung und wuchernden Megastädte tatsächlich Vorschläge für ein besseres Leben liefern wollen. Deutschland zum Beispiel möchte in seinem Pavillon in Schanghai, auf der Riesenbühne der neuen Weltwirtschaftsmacht, eine virtuelle, künftig jedoch realisierbare „Stadt der Ideen“ mit dem Harmonie verheißenden Kunstnamen „Balancity“ zeigen. Dabei gilt es vor allem, Deutschlands ökologische Innovationskraft zu demonstrieren. Zudem gibt es vier spezifische deutsche Stadt-Ausstellungen. Freiburg etwa präsentiert sich als „Green City“, und Hamburg will Schanghai über die ExpoDauer hinaus das „erste Passivhaus Chinas“ schenken: eine spektakuläre Architektur, die ihre zur Nutzung benötigte Energie selbst erzeugt.

Das Besondere beim „Urban Planet“ ist allerdings: Die nationalstolzen Chinesen haben bei ihrem – nach den Olympischen Spielen in Peking – zweiten Prestigeprojekt die Konzeption und Inszenierung eines eigenen Pavillons an das fernwestliche Berliner Team vergeben. Die unter Insidern renommierte, in der weiteren Öffentlichkeit jedoch noch kaum bekannte Firma Triad hat sich dabei in einem Wettbewerb gegen mehr als 150 internationale Konkurrenten durchgesetzt: darunter auch ein Drittel chinesische Universitäten, deren Laboratorien bis in die Anwendungsbereiche von Naturwissenschaften, Architektur, Ausstellungswesen und (Event-)Kultur inzwischen so hoch gerüstetet sind, dass deutsche Hochschulen von ähnlichen Standards zumeist nur träumen können.

Was den Triad-Chef freilich noch stolzer macht: „Wir haben auch gegen den größten aller denkbaren Wettbewerber gewonnen, gegen Walt Disney!“ Für Lutz Engelke, einen sonst äußerst eloquenten Mittfünfziger, ist der Sieg über den Weltkonzern bis heute einfach nur: „wow“.

Es geht beim Engagement in China mit allem Drum und Dran sicher um mehr als nur diesen zwanzig, dreißig Millionen Euro schweren Auftrag (ohne die Bauausführung in chinesischer Hand). Der „Urban Planet“ soll auch für Triad ein Zukunftssignal bedeuten. Und so steht das 12 000 Quadratmeter fassende Gehäuse (doppelt so groß wie der offizielle deutsche Pavillon) jetzt innerhalb einer gigantischen Halle kurz vor der Vollendung. In dem Rundbau schwingt sich als Besuchergalerie eine Art stählerne Doppelhelix 14 Meter in die Höhe, umgeben von digitalen Schauwänden über einer 30 Meter ausladenden Erdhalbkugel, die als Projektionsfläche auch innen begehbar ist.

Wer diese Mischung aus Stadtplanet und planetarischer Stadt zu eigens komponierten Sphärenklängen eines Berliner Chors durchschreitet, wird nach dem chinesischen Gegensatzprinzip von Yin und Yang (oder wie in Dantes „Göttlicher Komödie“) erst durch die Höllen geführt, auf einer Geisterbahn der Krisen und Umweltzerstörung, um dann auf einer „Road of Solutions“ zwar nicht ins himmlisch dantesche Paradies, aber im Sinne der taoistischen Lebensphilosophie („Feng Shui“) in eine harmonischere Welt zu gelangen. Dorthin, wo mit technischem Know-how und politischem Willen die Versöhnung von Zivilisation und Natur zu erreichen wäre: in ein neues, überwiegend postindustrielles „Ökotopia“, wie Engelke und seine Schanghai-Projektleiterin Gabriele Karau es nennen.

Mehr als zehn Millionen Besucher, täglich rund 60 000, erwartet dieser von Ulrike Koller, einer österreichischen Architektin und Szenografin bei Triad, als Raumplastik entworfene und von Stefan Richter und Anja Oswald mit weiteren Kollegen erzählerisch gestaltete „Urban Planet“. Ist das freilich in einem autoritären Boomland, das bisher jedes internationale Klimaschutzabkommen mit verhindert hat, nicht auch ein potemkinscher Planet, eine schöne Alibi-Illusion?

Lutz Engelke dreht den Gedanken sofort um: „Die offizielle Politik mag auf dem internationalem Parkett noch taktieren. Aber die Thinktanks der Chinesen denken längst weiter, die wissen ganz genau, dass China mit seinem explosiven Wirtschaftswachstum nur überleben kann, wenn es die inneren Widersprüche zwischen Stadt und Land, Ökologie und Ökonomie schneller zu lösen versucht als große Teile der übrigen Welt.“

Das Projekt „Urban Planet“ soll nun Türen in diese Richtung öffnen. Schon ist Engelke wieder auf dem Sprung ins Reich der neuen Mitte, der leicht eingedellte silberne Rimowa-Rollkoffer steht bereits (oder noch immer) neben seinem Schreibtisch, auf dem ein Beuys-Hase mit Rasenstück sitzt – und dahinter, am irgendwie akademisch altachtundsechzigerhaften Wandbrett (aus Holz), lockt ein Porträtfoto mit der Gesichtswildnis von Keith Richard, ist die Umschrift chinesischer Grußformeln nebst einem Fax der Expo-Leitung aus Schanghai angepinnt, dazu ein paar journalistische engelkesche Eigenbeiträge und, liebevoll ausgeschnitten, ein historisches Interview mit dem Dichter Heiner Müller („Ich bin nicht Walter Jens“). Der Lateiner nennt so etwas Penaten. Hausgötter.

Doch aus dem 54-jährigen Hausherrn, gebürtig vom Niederrhein, an der Berliner FU und in den USA studierter Philologe, Psychologe, Kommunikations- und Filmwissenschaftler, aus ihm sprudelt nichts nostalgisch Rückgewandtes: „Die Verstädterung des Planeten beschleunigt sich unaufhaltsam. Allein in China werden in den nächsten dreißig Jahren nach jüngsten Prognosen etwa 450 Millionen Menschen in Städten angesiedelt werden, die es noch gar nicht gibt!“

Engelkes Plan: „Wir wollen jetzt mit Partnern in Peking ein Science Center für chinesische und internationale Urbanisten gründen.“ Es gehe „im Kontext von Moderne und Tradition, von Technik und Ökologie“ um ein „City Branding“, um vernetzte Konzepte „für neue, lebenswerte Städte ab fünf Millionen Einwohnern“. Hierbei hätten die Chinesen auch verstanden, „dass man einen emotionalen Kern braucht, um wissenschaftlich komplexe Probleme so darzustellen, dass man eine Vielzahl von Menschen mitnehmen und an Problemlösungen beteiligen kann“.

So etwas sagt sich erst mal leichter als gedacht und gar gemacht. Das weiß ein Mann wie Engelke, der neben dem i-Phone auch jederzeit ein Notizheft mit Zitaten, Einfällen, kleinen Zeichnungen zur Hand hat. Die Verbindung aber von „Sinn und sinnlicher, emotionaler Anschauung“ sei eine Hauptkompetenz seines Triad-Teams. Und vielleicht schätzt der Kreativunternehmer Engelke gerade deshalb so sehr den intellektuellen, aber drastischen Dramatiker Heiner Müller.

Seine Firma hat Engelke 1994, nachdem er drei Jahre Pressesprecher beim Berliner Senat war, zusammen mit zwei Mitgesellschaftern unter einem Fantasienamen gegründet. Der mag das Trio oder ein magisches Dreieck aus Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft bedeuten. An die lautliche Nähe zu den „Triaden“, so heißen ja die Clans der chinesischen Mafia, hatte man damals noch nicht gedacht. Assoziationen aber weckt auch die Annäherung an Lutz Engelkes Büro. Es liegt im dritten Stock eines stuckverzierten Gründerzeithauses nahe dem Tauentzien, auf der Grenze zwischen Charlottenburg und Schöneberg, zwischen Kaufhausmeile und Kneipenviertel. Und der schmale Altbauflur zwischen der Berliner-Zimmer-Empfangshalle und Engelkes Büro mit Beuys-Nippes, Stones und Müller läuft genau auf einen glänzend beleuchteten Tierkopf zu.

Ein goldener Stier an der Wand, ein güldener Ochse? Passend jedenfalls zum gerade vergangenen chinesischen Kalenderjahr des Bullen. „Oder tanzen Sie auch ums goldene Kalb?“ Auf die Frage muss Engelke zustimmend lachen: „An dieses Bild haben wir in der Tat gedacht.“ Der Wandschmuck stammt nämlich von einem goldenen Rind, das Triad zur Schweizer Nationalausstellung 2002 für einen Pavillon der Zürich Versicherung zum Thema „Happy End“ gestaltet hat. Auf dem mechanisch bewegten Goldvieh konnten sich die Besucher als Glücksritter wie beim Rodeo versuchen. Abwurf und Schadensfall inbegriffen.

Engelke & Triads Idee ist eine Mischung aus Privatuni und Produktionsgenossenschaft. Hier arbeiten auf drei Etagen und, wie gerade in diesen ersten Frühlingstagen, auch auf riesigen Dachterrassen mit 360 Grad Berlinblick etwa 120 Mitarbeiter aus unterschiedlichsten Bereichen zusammen: Literaturwissenschaftler und Mathematiker, Architekten, Ingenieure, Soziologen, Bildkünstler, Marketingmenschen und möglichst viele Allrounder. Sie konzipieren und realisieren Ausstellungen, Konferenzen, Symposien, Medienevents. Den ersten Erfolg hatte Engelke 1997 in seiner Rheinruhrheimat: mit einer Schau zur TV-Geschichte, „Der Traum vom Sehen“ im Gasometer Oberhausen; ein nächster Durchbruch war die Inszenierung des Medien-Planeten „m“ für Bertelsmann auf der Weltausstellung 2000 in Hannover – ein Ausweis auch bei der Bewerbung sieben Jahre später in Schanghai. Institutionen und Konzerne gehören inzwischen zu den Kunden, und unter den gut neuntausend Unternehmen der Berliner „Kreativwirtschaft“ ist Triad einer der größten Arbeitgeber.

Lutz Engelke spricht als Motor und Promoter gerne von interdisziplinären Programmen, er betont, „Wir sind keine Werbeagentur“, und nennt seine Firma mit ihrer Schnittstellenkompetenz auch gerne „ein emotional-intelligentes Interface“. Merkwürdigerweise wirkt diese schneidig steile Terminologie bei Engelke oder seinen Mitarbeitern nur selten so prätentiös, wie sie klingen könnte. Wer sich auf den drei Etagen von Triad bewegt, findet viele offene Türen, hört und beobachtet ein vertrauensvoll freundschaftliches Miteinander auf Duzebene auch gegenüber den Chefs, keine Schlipse, kaum Designermöbel, eher eine weltläufig-berlinische, also auch Berlin-zuzüglerische Solidität. Auch Engelke, ein straffer Typ mit einer bei allem Enthusiasmus ruhigen Stimme, verkörpert das: Sportlichkeit, Effizienz und fröhliche Wissenschaft. Als sie in Gelsenkirchen für 80 000 Zuschauer die 100-Jahrfeier von Schalke 04 ausgerichtet haben, bestand Engelke im Vertrag auf einem späteren Spiel zwischen Triad und Schalkes älteren Herren (den „Schalke-Allstars“). Die Exprofis um Klaus Fischer und Rudi Assauer gewannen dann vor fünf Jahren 5:2 gegen die Berliner Emotionalintelligenzler, aber Triad-Mittelstürmer Lutz Engelke schwärmt noch heute vom „Höhepunkt meiner Karriere“. Privat kickt er bei „Halbe Lunge Kreuzberg“ und hört Motörhead und U2.

Einmal ist der Reporter dabei, als Triad von den chinesischen Auftraggebern in Berlin besucht wird. An einem illuminierten Modell der Erdhalbkugel werden die darauf und darin projizierten Wechsel von Meeren und Wüsten, von Megacitys und neuen Biotopen und der Verwandlung von Wassertropfen in die Schriftszeichen aller Kulturen als universeller Menschheitstext simuliert. Die Chinesen stellen aufmerksam Fragen, sind so höflich wie präzise, aber durch die ständige Hin- und Herübersetzung ist plötzlich unklar, ob der chinesischen Expo-Delegation die Dramaturgie und die musikalische Begleitung zu bewegt oder zu undynamisch erscheint.

Engelke beherrscht in solch offenen Situationen die Kunst, dem kritischen Frager erst mal recht zu geben, um ihn dann notfalls mit dessen eigenen Argumenten sanft zu widerlegen. So einigt man sich darauf, dass alles durchaus dynamisch sein möge, und der oberste Chinese befindet nach einem Witz über den Musikgeschmack seiner Landsleute: „Die Entscheidung liegt bei euch.“

Später fragen wir Engelke und die Projektleiterin Gabriele Karau, die schon im Gründungsjahr 1994 mit einem Philosophie-Diplom der Humboldt Universität zu Triad gekommen ist, wie das eigentlich gehen soll mit Ökotopia, wenn man als westlicher Umweltkolonialist zur Klimarettung als Erstes schon mal den zwei Milliarden Indern und Chinesen ihre Autos verbieten müsste. Die beiden Triad-Leute schütteln da selber den Kopf: „Das wissen wir nicht.“ Engelke fügt an: „Wir wissen nur, dass beispielsweise der Begriff der Nachhaltigkeit nicht die Lösung des Problems ist, sondern die Beschreibung des Problems.“ Dann notiert er sich schnell noch etwas in seine Kladde, und man ist sich einig, dass auch Wachstum bei begrenzten Ressourcen eine Beschreibung des Problems sei. „Aber“, lächelt Engelke und meint nun sein Team, „wir wachsen in der Krise.“

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