Welt : Trinken ohne Ende

Jubel in den britischen Pubs – das Ende der Sperrstunde wurde jetzt endgültig besiegelt

Oliver Bilger[London]

In den Pubs wurde in der Nacht zum Mittwoch gefeiert. In derselben Nacht scheiterte der allerletzte Versuch der britischen Konservativen, im Parlament den Fall der Sperrstunde aufzuhalten. Jetzt ist es also so weit. Nächste Woche gibt es in den Pubs des Königreichs die jahrzehntelang geltende Sperrstunde nicht mehr – damit fällt eine britische Tradition.

302 Abgeordnete votierten dafür, dass die Sperrstunde wie vorgesehen am Donnerstag der kommenden Woche abgeschafft ist. 228 stimmten gegen die Regelung. Damit bleibt es ohne Widerrufsmöglichkeit dabei, dass die „letzte Runde“ um kurz vor 23 Uhr der Vergangenheit angehört. Damit wird auch der Kehraus, bei dem alle Pub-Besucher mit einem Schlag vor die Tür gesetzt werden, künftig ausbleiben.

Die Neuregelung gilt allerdings nur für jene Pubs, die eine so genannte 24-Stunden-Lizenz bekommen. 70 Prozent der rund 81000 Pubs in England und Wales möchten künftig später schließen. 700 haben bereits die Erlaubnis rund um die Uhr zu öffnen, berichtet die „Times“. Während sich die einen über die Neuregelung freuen, kommt sie für die Sperrstunden-Gegner fast einer Kulturrevolution gleich. Öffentlich wurde im Vorfeld heftig über den Traditionsbruch gestritten. Die Konservativen fürchten mehr Alkoholkrawalle, für die das Insel-Königreich ohnehin berüchtigt ist. Die uneingeschränkten Öffnungszeiten können schlimme Folgen für die Volksgesundheit haben, warnte die kulturpolitische Sprecherin der Tories, Theresa May.

Radikalere Anhänger der Sperrstunde befürchten, die Labour-Regierung stürze das Volk in eine Art Dauerdelirium. „Ganz im Gegenteil“, erwiderte Kulturministerin Tessa Jowell. „Die Beibehaltung der Sperrstunde wäre ein Signal für die Randalierer gewesen, dass wir den von Alkohol beflügelten Gewalttaten nicht ernsthaft entgegentreten.“ Außerdem dürfe der Bevölkerung nicht das Trinkrecht abgesprochen werden, nur weil einige aus der Rolle fallen, zitiert der „Guardian“ die Ministerin. Die Labour-Regierung erklärte im Vorfeld immer wieder, dass sich künftig weniger Pub-Besucher durch eine Sperrstunde gedrängt fühlten, rasch betrunken zu werden. Die Liberalisierung der Kneipenöffnungszeiten helfe, das in England weit verbreitete „binge drinking“ – übersetzbar etwa mit „Kampftrinken“ oder „Komasaufen“ – einzudämmen.

Bislang führt der Aufruf des Thekenpersonals „last order please!“ zu Sauforgien, in denen sich die Briten bis zur Sperrstunde sternhagelvoll laufen lassen. Britische Zeitungen schätzen, dass das staatliche Gesundheitssystem umgerechnet rund 2,6 Milliarden Euro pro Jahr ausgibt, um die gesundheitlichen Folgen des Alkoholkonsums zu behandeln.

Auch sind die Folgen für die britische Wirtschaft immens: Der Produktionsverlust wird auf zehn Milliarden Euro beziffert. Jährlich werden mehr als 14 Millionen Arbeitstage infolge des „Volkssports Suff“ blaugemacht. Völlig überzeugt scheint Premierminister Tony Blair von den Argumenten seiner eigenen Regierung allerdings nicht zu sein. Der Pub „Red Lion“, unweit von seiner Downing-Street-Residenz entfernt, hatte als einer der ersten nach dem neuen Kneipengesetz die Lizenz zur Ausweitung der Schankstunden beantragt. Mit der Begründung, die Lage des Pubs in der Nähe des Premiers könne bei längeren Öffnungszeiten zu „Bedrohungen der öffentlichen Sicherheit“ führen, wurde der Antrag abgelehnt.

In den anderen Pubs wird jetzt die erste lange Nacht sehnlichst erwartet. Die Polizei wartet auch. Für das Ereignis werden Sondereinheiten zusammengezogen.

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