Welt : Trinkgewohnheiten: Das Glas ist halb voll

Marie-Dominique Follain

Die Trinkgewohnheiten in den Mittelmeerländern sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren. Zum Klischee eines lebenslustigen Franzosen gehören nicht nur Baguette und Camembert, sondern auch eine frisch entkorkte Rotweinflasche. Ein italienisches Pasta- oder Pizzagericht wird ganz selbstverständlich mit einem Glas Chianti in Verbindung gebracht. Diese Bilder drohen zur Karikatur zu verkommen. In nur vier Jahrzehnten ist der Weinkonsum in den klassischen Anbauländern fast um die Hälfte gesunken. "In den 60er Jahren wurde bei Hauptmahlzeiten in Frankreich, Italien, Portugal und Spanien immer Wein getrunken", sagt Francoise Brugire, Marktforscherin beim französischen Weinforschungsinstitut Onivins. "Heute geht der Trend dahin, Wein nur noch zu besonderen Gelegenheiten anzubieten - immer häufiger wird auf das gemeinsame Essen ganz verzichtet."

Bei den Italienern ist die Veränderung besonders krass. Innerhalb von 25 Jahren ist der Weinkonsum dort von 108 auf 54 Liter zurückgegangen. Aber der Trend hat Spanien, Portugal und Frankreich ebenso erfasst. Im aufkeimenden Nachkriegswohlstand der 60er Jahre habe der Verbrauch in Frankreich noch bei durchschnittlich hundert Litern pro Kopf gelegen, sagt Onivins-Studienleiter Christian Melani. "Heute sind es nur noch 55 Liter." Dahinter vermuten die Marktforscher vor allem eine Änderung der Lebensgewohnheiten. Verzicht auf gemeinsame Mahlzeiten und damit auf Geselligkeit drücke den Weinkonsum.

Zum Glück gibt es die neuen Märkte in Nordeuropa und auf den anderen Kontinenten. Da Briten, Dänen, Niederländer und Deutsche sich gerne einen südeuropäischen Wein gönnen, geht der sinkende Inlandsverbrauch für die Produzenten in den Mittelmeerländern nicht automatisch mit Absatzeinbußen einher. Bei den Dänen beispielsweise ist der Weinverbrauch innerhalb weniger Jahrzehnte von zwölf auf 29 Liter gestiegen. In anderen Ländern klettert der Konsum langsam aber stetig. Und wenn die US-Bürger auch erst einen Schnitt von acht Litern erreicht haben, so sind sie - wegen des demograpischen Gewichts - doch schon in die Gruppe der sechs wichtigsten Weinverbraucher weltweit aufgestiegen. Dazu gehört als einziges Land der Südhalbkugel auch Argentinien it einem stolzen Pro-Kopf-Verbrauch von 40 Litern.

Selbst bei den Trinkgewohnheiten gibt es eine Art Globalisierungs-Effekt. "Welches Getränk auch immer auf einem bestimmten nationalen Markt dominiert - ob das nun Bier, Wein oder Spirituosen sind - es wird dort an Bedeutung verlieren", stellt die Onivins-Expertin Brugire fest. In traditionellen Bierländern wie Belgien, Großbritannien oder Deutschland muss der Gerstensaft um seine Abnehmer bangen. So ist in Deutschland der Biergenuss binnen zwei Jahrzehnten um über zehn Prozent zurückgegangen. Zugleich wenden sich die Japaner und Chinesen von ihren überkommenen Spirituosen ab und greifen verstärkt zu Bier oder Wein.

Bei alledem hat der Wein gegenüber dem Bier weiter die Stellung eines Getränks mit besonderem Anspruch behalten. Wer überhaupt alkoholische Getränke zu sich nimmt, greift nach den Feststellungen der Marktforscher zum Bier, solange er noch knapp bei Kasse ist. Nur wer sich dies finanziell leisten könne, steige auf den Wein um.

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