Welt : "Triocolor": Ein Lied zieht hinaus in die Welt

Roman Rhode

Mit seinem letzten Projekt war einem 30-jährigen Pianisten aus Hannover der Durchbruch gelungen: "Jens Thomas plays Ennio Morricone". Hinter dem lakonischen Titel verbarg sich ein spektakuläres Album, auf dem Thomas die Soundtrack-Klassiker des italienischen Komponisten in ihrer dramatischen Stille auslotete. Nicht nur der Maestro zeigte sich begeistert, eine Zeitung erkor Thomas gar zum "Jimi Hendrix des Flügels". Dabei neigt der Pianist nicht gerade zum Tasten-Overkill. Auch im Zusammenspiel mit anderen Musikern glänzt er lieber durch Zurückhaltung.

Während Thomas sich bei seinen Morricone-Interpretationen von zwei italienischen Klangmalern mit Trompete und Akkordeon begleiten ließ, ist er jetzt wieder zu seinem eigenen Trio zurückgekehrt. Dazu gehören Stefan Weeke am Kontrabass und Björn Lücker am Schlagzeug. Ihre Band "Triocolor" gründeten sie nach einem gemeinsamen Jazz-Studium 1992 in Hamburg. Zwei Jahre später folgte ihre erste Platte und der Sieg beim "European Jazz Contest" in Brüssel. Vom Goethe-Institut wurden sie daraufhin als Exponenten deutscher Kultur um die halbe Welt geschickt. So kamen Thomas, Weeke und Lücker im September 1999 nach Ghana. Eine Reise, die Spuren hinterlassen hat: Das neue Album des Trios trägt den programmatischen Titel "Colours Of Ghana". Obwohl die Stücke ineinander übergehen wie bei einem Konzeptalbum, entsteht kein fest umrissenes Bild. Vielmehr sind es Ahnungen und Erfahrungen, die das Trio anklingen lässt, ein Spiel aus melodischen Fragmenten und perkussiver Vielfalt. "Unsere Musik ist eine Mischung aus freier Improvisation und festgelegten Strukturen", sagt Jens Thomas, "ein intuitives Herumspielen mit Motiven, um eine sehr persönliche Geschichte zu erzählen."

Zum Beispiel von der Begegnung mit der ebenfalls dreiköpfigen Gruppe African Sound Project. "Diese Musiker", staunt Thomas, "hatten eine ganz ähnliche Spielauffassung wie wir". Damit bezieht er sich auf deren Nähe zur Neuen Musik, die in frei improvisierten Passagen angeklungen sei. Gemeint ist aber auch die Überwindung des ewigen Wechselspiels zwischen Thema und Solo, das für den überkommenen Jazz typisch ist. Dieses Schema tritt bei Triocolor zurück: Beim Auftragen der Klangfarben sind alle Musiker gleichberechtigt.

Faszinierend für Thomas war auch der Kontakt zu einem 77-jährigen "Divine Drummer", der aus heiligen Bäumen das Holz für seine geweihten Trommeln schlug: "Er lebte zurückgezogen im Busch und hatte die Fähigkeit, sofort das Wesen eines Menschen zu erkennen." Unter freiem Himmel, das lernten Thomas und seine Mitstreiter in Ghana, klingen Instrumente ganz anders als im Tonstudio. "Colours of Ghana" ist durch seine digitale Aufnahmetechnik dennoch nicht entzaubert worden. Jeder Track atmet dichte Atmosphäre, mit wenigen Tönen erzeugt das Trio ein Höchstmaß an Spannung. Und jedes Stück entwirft einen eigenen Kosmos. Eine Erkundungsfahrt.

"Listen, I tell you a story", flüstert Thomas zu Beginn des Stückes "A Trip To Ghana" ins Mikrofon. Was dann folgt, ist ein sich beschleunigender Trialog, bei dem sich die Chromatik des Pianisten mit dem pulsierenden Bass verbindet, um den Schlagzeuger in Rage zu bringen - bis alle drei scheinbar völlig außer Atem geraten und das Stück notgedrungen abbricht. Eine Parabel von Aufbruch und Heimkehr? Thomas, Weeke und Lücker haben in Ghana keine zweite Heimat gesucht. Ihre Herkunft hört man selbst dann, wenn sie ihre Stücke mit Talking Drum oder Kalimba skizzieren. Deshalb wirkt "Colours Of Ghana" auch nicht im ethnografischen Sinne authentisch. Weder orientieren sich die drei Musiker an afrikanischen Jazzern wie etwa Abdullah Ibrahim, noch buckeln sie vor traditioneller Folklore. Und obwohl sie dem musikalischen Substrat des Schwarzen Kontinents nachspüren, lassen Triocolor in erster Linie Anleihen beim Minimalismus eines Philip Glass oder Keith Jarrett vermuten. Ob es sich nun um ein Piano-Zitat aus "Milestones", Einsprengsel konzertanter Musik oder das leise Stöhnen über den Tasten handelt - die Einflüsse auf "Colours Of Ghana" sind so vielfältig und unmittelbar wie die Reiseeindrücke des Trios. "Es ist fast überhaupt keine Jazz-Platte mehr", sagt Jens Thomas, "sondern sehr persönliche Musik."

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