Tsunami-Angst : Nach dem Beben in Chile: War die Tsunami-Angst berechtigt?

Nach dem starken Erdbeben in Chile wurde fast im gesamten Pazifikraum Tsunami-Alarm ausgelöst. In Japan wurden daraufhin hunderttausende Menschen in Sicherheit gebracht. Wie gefährlich war die Situation?

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An der chilenischen Küste werden immer wieder heftige Erschütterungen registriert. Auch das bislang stärkste je gemessene Erdbeben trat in dieser Region auf, gut 200 Kilometer südlich vom Zentrum des aktuellen Bebens. Damals, im Mai 1960, erreichten die Erschütterungen eine Stärke von 9,5. Zum Vergleich: Das Seebeben vor Sumatra im Dezember 2004, das den verheerenden Tsunami auslöste, hatte eine Intensität von 9,1.

Warum war das Beben so heftig?

Die chilenische Küste ist Teil einer „Verschluckungszone“, in der eine Erdplatte unter eine andere abtaucht. In diesem Fall ist es die Nazca-Platte, die sich mit einer Geschwindigkeit von rund acht Zentimetern im Jahr unter die südamerikanische Platte schiebt. Dabei wird der komplette Untergrund des Ostpazifiks von den gewaltigen Kräften im Erdinneren in die Tiefe gezogen. Obwohl die nassen Sedimente des Meeresbodens ein gutes Schmiermittel sind, gerät die Bewegung immer wieder ins Stocken. Von unten wird gezogen, von hinten gedrückt – bis die angreifenden Kräfte so groß sind, dass die verhakten Gesteinsschichten aufreißen und die Platte ein Stück weiterrückt. Noch gibt es keine genauen Zahlen. Bei einem Beben dieser Stärke dürften es aber einige Meter sein, um die der Meeresboden unter Südamerika geschoben wurde.

Wesentlich für die Stärke eines Erdbebens ist, welche Ausmaße die Fläche hat, die aufreißt. Gerade in den Verschluckungszonen kann diese sehr groß sein. Denn die Grenzen der aneinanderstoßenden Erdplatten stehen nicht senkrecht zur Erdoberfläche, sondern schräg, entsprechend der „Tauchbewegung“. Schräge Linien sind länger als senkrechte, also kann auch die Bruchfläche viel größer werden. Zudem ist die Erdkruste unter Südamerika sehr dick, was noch mehr Platz für einen Bruch schafft. Es verwundert daher kaum, dass es seit 1973 an der chilenischen Küste 13 Beben mit einer Stärke von mindestens 7,0 gab.

Wie oft treten so starke Erdbeben auf?

Die Erdbebenstärke ist – wie auch die Lautstärke – ein logarithmisches Maß, sie lässt sich nicht auf einem Lineal darstellen. Ein Schritt von 7,0 zu 8,0 bedeutet, dass dreißigmal so viel Energie freigesetzt wird. Von 7,0 zu 9,0 ist es schon fast tausendmal so viel. Auch die Häufigkeit der Erdbebenstärken ist logarithmisch verteilt. Je heftiger, desto seltener. Vereinfacht kann man sagen, dass weltweit gesehen etwa hundertmal im Jahr 6er-Beben auftreten, zehnmal Erschütterungen der Stärke 7, einmal ein 8er-Beben – und etwa einmal im Jahrzehnt ein 9er-Beben. Die Erdstöße von Chile waren also selten stark, aber kein „Jahrhundertbeben“.

Lösen solche Erdbeben Tsunamis aus?

Gerade die Erschütterungen vor Chile sind geeignet, um die gefürchteten Wellen loszutreten. Eine Voraussetzung dafür ist, dass sich die Wasserhöhe schlagartig ändert. Schieben sich zwei Erdplatten nur aneinander vorbei wie bei dem Januar-Beben von Haiti, fehlt der vertikale Impuls. Anders vor Chile: Die Nazca-Platte drängt sich schräg unter die südamerikanische. Ruckt es dort, können Tsunamis ausgelöst werden. Deshalb wurde rings um den Pazifik eine Warnung ausgegeben.

Wie haben sich die Länder vorbereitet?

In Japan wurden rund 320 000 Bewohner entlang der Pazifikküste von den Behörden aufgefordert, sich in Sicherheit zu bringen. Den Angaben zufolge war es das erste Mal seit 15 Jahren, dass die nationale Wetterbehörde eine Warnung vor einem größeren Tsunami gegeben hat. Auch in den übrigen Pazifikstaaten wurden die Menschen gewarnt. Während die Bewohner und Touristen auf Hawaii zum Großteil den flachen Küstenstreifen verließen, fanden sich an den Stränden der australischen Ostküste – trotz der Warnungen – viele Schaulustige ein. Einige Schwimmer und Surfer gingen sogar ins Wasser.

Wie groß waren die Flutwellen?

Die große Flutwelle blieb glücklicherweise aus. An der japanischen Nordküste wurden rund anderthalb Meter hohe Wellen beobachtet. Berichte über Schäden gab es nicht. Auch nicht von den übrigen Ländern, in denen eine Tsunami-Warnung ausgegeben worden war. In Chile waren die Folgen schlimmer. In Talcahuano im Süden des Landes wurden selbst größere Schiffe ins Stadtzentrum geschwemmt, während im Hafen Seecontainer durcheinandergewirbelt wurden. Auf der Insel Robinson Crusoe, knapp 700 Kilometer westlich von Südamerika, wurden fast alle Gebäude zerstört. Mindestens fünf Menschen wurden dabei getötet.

Sind Nachbeben wahrscheinlich?

Ja. Denn bei einem starken Erdbeben wird zwar die Spannung direkt am Bebenherd abgebaut. Infolge der Bewegungen der Erdplatten kann aber an einer anderen Stelle der Plattengrenze die Spannung erhöht werden. Dann gibt es weitere Erschütterungen. Bis Sonntagabend wurden vor der chilenischen Küste acht weitere Erdbeben der Stärke 6,0 und mehr gemessen. Erfahrungsgemäß nimmt die Intensität der Nachbeben im Lauf der Zeit ab. Die Erfahrung sagt aber auch, dass es noch Monate dauern wird, bis sich die Erdkruste an dieser Stelle „zurechtgeruckelt“ hat und zur Ruhe kommt.

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