Tsunami-Opfer : Japan neun Monate nach der Flut

18.12.2011 01:00 UhrVon Katja Reimann
Noch immer liegen Schiffswracks auf den Straßen Kesennumas Foto: Katja Reimann
Noch immer liegen Schiffswracks auf den Straßen Kesennumas - Foto: Katja Reimann

Der Tsunami zerstörte Kesennuma an einem Nachmittag. Neun Monate später ist die Spur der Verwüstung noch präsent. Vom Ringen um Normalität: Eine Reportage aus Japan.

Alles ist still. Eine schwere Stille, die so drückt, dass einem der Atem ganz flach wird. Unter den Füßen knirschen lose Steine auf dem Weg. Endlich schreit eine Möwe.

Spielzeugklein bewegen sich Bagger in der Ferne. Ein Stück Blech schwingt im Wind, schlägt wieder und wieder an eine Hauswand, quietscht dabei leise. Eine Böe trägt die Melodie eines Windspiels durch die Luft. Es klimpert zart. Das Haus, an dessen Eingang es mal hing, gibt es nicht mehr. Nur noch das Windspiel an einem Haufen Geröll.

An diesem Morgen hat es geschneit. Es wird wieder Winter in Kesennuma, einer kleinen Hafenstadt im Nordosten Japans. Das Jahr geht vorbei.

Die Zeit aber scheint stehen geblieben. Am 11. März 2011 um etwa halb vier am Nachmittag.

Es war der Zeitpunkt, an dem der Tsunami auf Japans Nordostküste traf. Knapp zwei Stunden zuvor hatte die Erde gebebt, der Meeresboden riss auf. Das Beben war so stark, wie es in Japan noch nie zuvor gemessen wurde: 9,0 auf der Richterskala.

Eine große Welle, schnell und laut wie ein Flugzeug, jagte anschließend auf die Küste zu. Das Wasser floss in die Bucht von Kesennuma, es riss Menschen, Häuser, Autos und Schiffe mit sich, zerquetschte alles, was im Weg stand.

Kesennuma, eine Stadt der gemäßigten Geschwindigkeit, Ausflugsziel, Fischerort, bekannt für schmackhaften Thunfisch, wurde an diesem Märztag mit fürchterlicher Schnelligkeit zu einem großen Teil dem Erdboden gleich gemacht.

Neun Monate nach dem Unglück rutscht der Blick im Stadtteil Shishiori über freie Fläche am Hafen, Matsch und darauf Betonfundamente von Häusern, zehn, 20, mehr noch. Eingangstreppen, die ins Nichts führen. Dahinter, entfernt, ein stählernes Schiff, das die Welle an Land geschwemmt hat und das auf dem Trockenen so hoch scheint wie ein Haus und so lang wie zwei Bahnwaggons. Viel ist schon aufgeräumt, Geröll verpackt in Säcke, Autowracks sind gestapelt und nummeriert. Ein paar Ruinen warten noch auf Abriss. Man hat Müll aus den Katastrophengebieten im Norden nach Tokio geschafft, wo er verbrannt werden soll. Irgendwann wird auch der letzte Rest entfernt sein. Und dann?

In schlechten Zeiten, heißt es, soll man nach vorne schauen.

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