Türkei : Fahndung nach Panschern

Der Tod von drei deutschen Jugendlichen in der Türkei durch giftigen Alkohol schreckt die Behörden auf. Inzwischen entdeckten die Ermittler weitere verdächtige Flaschen. Das Geschäft mit gepanschtem Alkohol floriert.

Thomas Seibert[Istanbul]
Trauer um zwei weitere tote Lübecker Schüler
Ein kleiner Altar erinnert in Lübeck an einen der mit Methanol vergifteten Wodka gestorbenen Schüler. -Foto: dpa

„Natürlich“, sagte der Mann an der Rezeption des Anatolia-Beach-Hotel im südtürkischen Kemer am Dienstag: „Unser Hotel ist geöffnet, und wir haben auch Gäste.“ Vielleicht nicht mehr lange. Das türkische Tourismusministerium erwägt nach Angaben aus Justizkreisen die Schließung des Hotels, das in einen Skandal um gepanschten Alkohol verwickelt sein soll: Zwei leitende Angestellte des „Anatolia“ sitzen in Untersuchungshaft. Zusammen mit drei weiteren Mitarbeitern sollen sie sich vor Gericht für den Tod der drei Lübecker Realschüler verantworten, die Ende März im Hotel abgestiegen waren und nach einem Trinkgelage in ihrem Hotelzimmer starben. Auch die türkische Justiz geht inzwischen von einer Vergiftung durch gepanschten Alkohol aus. Der Fall könnte das Vertrauen in die Türkei als sicheres Urlaubsland nachhaltig erschüttern.

Nachdem der 21-jährige Rafael N. vor zwei Wochen tot in seinem Zimmer im Anatolia-Beach-Hotel gefunden wurde und sechs seiner Mitschüler mit zum Teil schweren Vergiftungserscheinungen ins Krankenhaus kamen, ließ die Staatsanwaltschaft in Kemer die Alkoholbestände des Hotels und von Restaurants und Geschäften in der Umgebung überprüfen. In einer der 41 entnommenen Proben fanden Fachleute des türkischen Agrarministeriums einen hohen Anteil von Methanol, das häufig in schwarz gebranntem Schnaps vorkommt. Zwei Lübecker Realschüler starben wenig später nach ihrem Rücktransport in die Bundesrepublik.

Kurz nach der Entdeckung des Methanols in Kemer erwirkte die Staatsanwaltschaft die beiden Haftbefehle. Die Justiz geht offenbar davon aus, dass die deutschen Gäste den schwarz gebrannten Schnaps trotz eines Alkoholverbotes im Hotel kauften. Inzwischen wurden nach den Worten der Anwältin Deniz Yildirim weitere verdächtige Flaschen gefunden. Dem Hoteldirektor und einem Barkeeper seien die Ausreise verboten worden.

Zudem wird der Alkohollieferant des Anatolia-Beach-Hotels mit Haftbefehl gesucht. Der Unternehmer Cengiz E. sei ebenfalls zur Staatsanwaltschaft bestellt worden, aber nicht erschienen, meldeten türkische Medien. Am Dienstag berichteten zwar deutsche Medien unter Berufung auf den Lübecker Anwalt der Eltern eines der Opfer, dass der Mann verhaftet worden sei. Doch Anwältin Yildirim, auf die sich der Lübecker Jurist berufen hatte, sagte dem Tagesspiegel, die Festnahme sei nicht bestätigt. Nach einem Bericht der Internetausgabe der Zeitung „Hürriyet“ war Cengiz E. vor zwei Jahren in Marmaris an der Ägäisküste vor Gericht gestellt worden, weil ein Urlauber nach dem Genuss von Alkohol aus seinen Beständen ins Koma gefallen sei. Der damals gegen Cengiz E. angestrengte Prozess sei noch nicht abgeschlossen.

Das Agrarministerium, dem in der Türkei die Kontrolle von Alkoholika obliegt, warnte die Bevölkerung bereits kurz vor der Ankunft der Lübecker Reisegruppe in Kemer insbesondere vor besonders billigen Alkoholangeboten in Restaurants und Hotels: Kunden sollten stets darauf bestehen, die mit Hologrammen versehenen Flaschen selbst zu öffnen. Nach einem Skandal um gepanschten Raki vor vier Jahren, als mehr als 20 Menschen vergiftet worden waren, hatten türkische Hersteller verbesserte Verschlusssysteme eingeführt, um den Panschern das Handwerk zu erschweren.

In Antalya wurden nach Behördenangaben seit Jahresbeginn fast 2500 Flaschen mit gepanschtem Alkohol beschlagnahmt, 2008 waren es insgesamt fast 40 000 Flaschen. Dennoch gelang es nicht, die Alkoholpanscherei zu stoppen. Schwarzbrenner werden von den großen Gewinnspannen auf dem Markt für illegal produzierten Alkohol angezogen: Wegen hoher Steuern ist Alkohol in der Türkei sehr teuer; schwarz hergestellter Schnaps werde etwa zur Hälfte des offiziellen Ladenpreises verkauft, berichtete der türkische Nachrichtensender NTV.

All das macht der türkischen Fremdenverkehrsbranche große Sorgen. Bisher waren keine ausländischen Urlauber durch gepanschtem Alkohol gestorben – was angesichts der bisher seltenen Kontrollen und 26 Millionen Besuchern im vergangenen Jahr, darunter rund zehn Millionen trinkfreudige Deutsche, Russen und Briten, fast wie ein Wunder erscheint. Sururi Corabatir, Verbandschef der Tourismus-Unternehmer an der türkischen Mittelmeerküste, forderte, als Konsequenz aus dem Skandal müssten die Kontrollen verstärkt werden.

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