Welt : Türkei: Im Handumdrehen

Susanne Güsten

Vor einem Vergnügungspark in Istanbul erwischte es die kleine Bilge. Die Fünfjährige und ihre Mutter waren auf dem Weg in den Park, da lehnte sich ein Mann aus einem vorbeifahrenden Wagen und zerrte der Mutter die Handtasche von der Schulter. Ein paar Meter weiter raste das Auto noch, dann bremste der Fahrer plötzlich und setzte mit Vollgas zurück - über Bilge und ihre Mutter hinweg. Mit bandagierten Armen und Beinen und zerschundenem Gesicht liegt die Kleine nun im Krankenhaus. "Kann denn niemand diese Verbrecher stoppen?", fragt die verzweifelte Mutter - denn Bilge ist nur das jüngste Opfer einer wahren Plage von Handtaschenräubern, die über die Türkei hereingebrochen ist.

Aus dem fahrenden Wagen greifen die Täter nach der Handtasche des Opfers, das auf die Straße gezogen und oft noch weit mitgeschleift wird. Eine junge Frau in Istanbul wurde kürzlich auf diese Weise getötet, eine weitere so brutal über das Pflaster geschleift, dass ihr Gesicht entstellt und ihr Augenlicht in Gefahr ist. Eine Schweizer Touristin in der Istanbuler Innenstadt kam zwar ohne Verletzungen davon, büßte aber Geld und Schmuck ein.

Andere Handtaschenräuber gehen ihrem Geschäft mit dem vorgehaltenen Messer nach, und das nicht nur in Istanbul. Im Urlaubsort Side an der türkischen Riviera wurde letzte Woche ausgerechnet ein britischer Polizist durch Messerstiche verletzt, als er die Handtasche seiner Ehefrau gegen drei Räuber verteidigen wollte. Auch eine deutsche Urlauberin wurde in der Nähe von Antalya kürzlich niedergestochen. Schlimmer als an der Riviera ist es aber in den Großstädten, wo sich viele Frauen kaum mehr aus dem Haus wagen. Um gut 100 Prozent ist die Zahl der Handtaschenraube dort nach Angaben der türkischen Polizei in den letzten Monaten angestiegen. Bis zum Tode des Opfers gehe die Gewalt der Täter, sagte der Vize-Polizeichef des Landes, Ertugrul Cakir.

Ein Grund für diese Explosion der Kriminalität ist die tiefe Wirtschaftskrise, die viele Menschen in Existenznöte gebracht hat. Eine weitere Ursache liegt in einer Amnestie, durch die die Regierung erst kurz vor Ausbruch der Krise rund 30 000 Verbrecher auf die Gesellschaft losgelassen hatte. Dass aber gerade die Handtaschenraube nicht mehr in den Griff zu bekommen sind, liegt nach Ansicht von Richtern und Polizisten an der laschen Gesetzgebung, die solche Delikte bisher nur als Diebstahl ahndet. Weil die Strafandrohung so niedrig ist, können die Sicherheitskräfte selbst geschnappte Handtaschenräuber nicht einsperren; und selbst wenn ein Täter verurteilt wird, ist er schon nach einigen Monaten wieder frei.

Die Plage der Handtaschenräuber hat inzwischen solche Ausmaße erreicht, dass Innenminister Rüstü Kazim Yücelen jetzt die Provinzgouverneure anwies, alle Kräfte dagegen zu mobilisieren. Nägel mit Köpfen macht der Polizeichef von Istanbul, Hasan Özdemir, der eine Sondereinheit zur Bekämpfung der Diebe aufstellen lässt. Die mindestens 150 Mann starke Truppe soll nun alle Stadtbezirke durchkämmen und den Tätern das Handwerk legen.

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