Welt : Türkei lässt Kritik nicht gelten

Nach Flugzeugabsturz in Amsterdam

Thomas Seibert[Istanbul]

Gut eine Woche nach dem Absturz von Amsterdam blühen in der Türkei die Verschwörungstheorien. Die Niederländer seien schuld, wollten aber von ihrer Verantwortung für den Tod von neun Menschen ablenken, beklagen regierungsnahe Zeitungen und türkische Piloten. Die Erkenntnisse niederländischer Ermittler, dass die Besatzung des Turkish-Airlines-Jets die Daten eines fehlerhaften Höhenmessers möglicherweise zu lange ignorierte und damit den Absturz heraufbeschwor, wird als Angriff auf die nationale Ehre der Türkei zurückgewiesen.

Teile der türkischen Öffentlichkeit gehen angesichts der Erklärungen aus den Niederlanden in eine Art instinktive Abwehrhaltung. So etwas könne nicht sein, sagen Piloten; die Holländer wollten nur von eigenen Fehlern ablenken und teuren Schadenersatzprozessen aus dem Weg gehen. Nicht einmal ein Amateurpilot dürfe fliegen, wenn er so einen Fehler mache, sagte der Vizechef der türkischen Pilotenvereinigung, Ahmet Ezgi. Die Niederländer hätten jedem eine Mitschuld zugewiesen – außer sich selbst, berichtete die Zeitung „Zaman“.

Ein namentlich nicht genannter Vertreter von Turkish Airlines (THY) ließ sich mit den Worten zitieren, der wahre Grund für den Absturz liege wahrscheinlich in einem sogenannten Vortex: einem Luftwirbel, der durch ein kurz vor der Unglücksmaschine in Amsterdam gelandetes Flugzeug ausgelöst wurde. Zeitungen berichten bereits seit Tagen, eine Boeing 757 sei nur zwei Minuten vor dem Absturz der türkischen Maschine gelandet – der Sicherheitsabstand für solche Fälle betrage aber vier Minuten.

Kritiker werfen THY vor, viele fromm muslimische Gefolgsleute der Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan trotz fehlender Fachkenntnisse in Führungspositionen gehievt zu haben. Kurz nach dem Amsterdamer Absturz am 25. Februar gerieten das Verkehrsministerium in Ankara und THY unter Beschuss, weil sie zunächst alle Meldungen über Todesopfer dementiert hatten und später mit der Wahrheit herausrücken mussten. Anlass für Selbstkritik war das für Verkehrsminister Yildirim freilich nicht.

Hinter der Haltung des Ministers steht die Überzeugung, dass türkische Piloten nun einmal keine Fehler machen und dass hinter jeder Kritik die Absicht steht, der Türkei zu schaden. Eine verhängnisvolle Tendenz, sagen einige Beobachter. „Nationalistisch motivierte Beurteilungen“ des Unglücks machte die regierungskritische Zeitung „Radikal“ aus. „Werden wir wegen ,nationaler Interessen‘ die Fehler von THY ignorieren und vertuschen, oder werden wir der nackten Wahrheit ins Gesicht sehen?“, fragte das unabhängige Blatt „Taraf“. Die Antwort steht noch aus.

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