Welt : Türkei: Liebe und Hiebe

Susanne Güsten

Mancher Türke mag seine Zeitung beim Frühstück in dieser Woche besonders genau studiert haben: "Wie man seine Frau am besten schlägt", versprach ein Blatt zu erklären. "Schlagen sie ihre Frau ganz zärtlich", riet eine andere Zeitung. Die Presse machte sich damit über ein neues Handbuch für Moslems lustig, mit dem das staatliche Religionsamt tief ins Fettnäpfchen getreten ist. "Handbuch des Moslems - was jeder über seinen Glauben wissen muss", heißt das Heftchen, das von einer dem Amt unterstellten Stiftung herausgegeben wurde. Im Kapitel "Familienleben" wird darin erläutert, wann und wie der Gläubige seine Ehefrau körperlich züchtigen darf. Nicht dass die Türken diese Unterweisung nötig hätten: In Sachen häuslicher Gewalt zählen sie ohnehin zur Weltspitze. Doppelt peinlich ist die Affäre für das türkische Religionsamt, weil es sich mit einer großangelegten Kampagne gerade um eine "Modernisierung" des Islam bemüht, die das Image der Moslems in der Welt verbessern soll.

Wenn Ruhe und Ordnung in der Familie nicht anders herzustellen seien, dann dürfe der Ehemann seiner Frau "leichte körperliche Warnungen" erteilen, erläutert das Handbuch - allerdings "ohne in das Gesicht zu treffen und ohne zu verletzen". Erlaubt seien Hiebe auch, wenn Zweifel an der Keuschheit der Ehefrau aufkämen. Allerdings seien zu harte Schläge auf gefährdete Körperstellen zu vermeiden: Die Züchtigung solle eher psychologische Wirkung zeitigen.

Die Empfehlungen der Religionsbehörde dürften so manchen türkischen Pascha im Glauben an die Rechtmäßigkeit seines Tuns bestärken. Nach einer Studie der Weltgesundheitsorganiation WHO werden Knapp 60 Prozent aller verheirateten Frauen in der Türkei von ihren Partnern geschlagen. Nur den allerwenigsten Frauen fällt es ein, sich öffentlich über die Schläge zu beschweren oder gar Anzeige zu erstatten: Auch sie halten die rauen Sitten oft für richtig und schicklich. Wurden Schläge in der Ehe in der Türkei doch vor zwei Jahren erst gesetzlich verboten. Je niedriger das Bildungsniveau, desto fester ist die Frau davon überzeugt, dass ihr Mann mit den Schlägen von seinem gottgegebenen Recht Gebrauch macht.

Diese Auffassung wird den türkischen Männern und Frauen von der neuen Broschüre nun quasi amtlich bestätigt. Für den Chef der Religionsbehörde, Mehmet Nuri Yilmaz, kommt der Fauxpas seines Hauses zu einem besonders ungünstigen Zeitpunkt. Der Glaubenshüter mit Ministerrang hat gerade eine Initiative zur Imageverbesserung für den Islam ausgerufen. "In manchen westlichen Ländern hat der Islam ein schlechtes Image, man verbindet ihn dort mit Gewalt und mit dem Einsperren von Frauen", erklärte Yilmaz zum Start der Kampagne. "Als moslemisches Land, das den Frauen ihre Rechte zugesteht, ist es unsere Aufgabe, dieses Image aufzupolieren - und das werden wir jetzt tun."

Bevor der Religionschef sich um das Image des Islam im Westen kümmert, wird er sich nun aber erst einmal mit dessen Auslegung im eigenen Hause befassen müssen. Zwar stoppte das Religionsamt inzwischen den Verkauf des "Handbuchs für Moslems" und kündigte eine Neuordnung der federführenden Stiftung an. Diese aber ging zum Gegenangriff über: Hinter dem Rücken ihres Dienstherrn beriefen der Stiftungsdirektor und der Autor der Broschüre eine Pressekonferenz ein, auf der sie Yilmaz politischen Opportunismus vorwarfen. Schließlich sei der Koran in dieser Frage unzweideutig, sagte Autor Kenal Güran und verwies auf die vierte Sure, in der es heißt: "Warnet sie, verbannet sie in die Schlafgemächer und schlagt sie." Yilmaz habe darauf in seinen eigenen Veröffentlichungen selber oft genug hingewiesen, kritisierte Güran. Mit seiner jetzigen Distanzierung wolle der oberste Religionshüter sich offenbar "bei den Politikern beliebt machen" - immerhin sei das Religionsamt ja eine staatliche Einrichtung.

Dieser Hieb trifft ins Schwarze. Denn das Religionsamt ist Ausdruck eines tiefen Widerspruchs im politischen System der Türkei. Einerseits schreiben Verfassung und Gesetze der Türkischen Republik die strikte Trennung von Staat und Religion vor; andererseits hat der Staat sich den Islam schlichtweg einverleibt: Die Prediger aller 70.000 Moscheen in der Türkei werden vom staatlichen Religionsamt ausgebildet, eingestellt und bezahlt; eifersüchtig wacht das Amt über den theologischen Diskurs. Ursache des paradoxen Konstrukts ist das Misstrauen des säkulären Staats gegen den Islam, den er auf diesem Wege kontrollieren will. Gelungen ist das bisher nicht, wie der Streit um den "Katechismus des Frauenschlägers" wieder einmal zeigte.

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