Welt : Türkei: Menschenleere Straßen

Susanne Güsten

Er hatte sich so auf die Heimkehr gefreut. Elf Jahre lang war der Schwarzwälder Carlo Farsang in der ganzen Welt unterwegs gewesen. Alle Erdteile bereiste der 29-jährige Rucksack-Tourist in den vergangenen Jahren, zuletzt war er in Usbekistan. Am Sonntag wollte er von Istanbul aus endlich zurück nach Deutschland - doch er suchte sich für die Rückkehr ausgerechnet den Tag der türkischen Volkszählung aus, an dem wegen einer Ausgangssperre alle Reisebüros geschlossen bleiben mussten: kein Ticket, keine Heimkehr. "Ich möchste möglichst schnell weg von hier", sagte Farsang, als er am Sonntag mittag im strömenden Regen in der Innenstadt von Istanbul zur Jugendherberge marschierte, um sich für die ungewollte Verlängerung seiner Reise ein Nachtquartier zu suchen.

Die meisten ausländischen Touristen blieben von solchen Enttäuschungen verschont, obwohl auch sie vor leeren Läden und Restaurants standen und auf Anordung der türkischen Behörden einem landesweiten Ausgehverbot unterworfen waren, um mitgezählt zu werden. In Istanbul wurde der Hausarrest für die Touristen locker gehandhabt; viele Hoteliers erledigten die Registrierung ihrer Gäste für die Volkszählung, ohne dass die Urlauber auf eine Stadtrundfahrt verzichten mussten. Die Touristen hatten Istanbul an diesem Tag für sich: Außer der Polizei und den staatlichen Zählern, die von Tür zu Tür eilten, war am Sonntag kaum jemand auf der Straße.

Doch nicht in allen türkischen Städten blieben die ausländischen Touristen vom türkischen Behördeneifer unbehelligt. In Kusadasi an der Ägäis-Küste schritt die Polizei gegen Passagiere eines Kreuzfahrtschiffes ein, die nicht einsehen wollten, warum sie wegen der türkischen Volkszählung auf ihren Stadtbummel verzichten sollten.

Während das Ausgehverbot für Touristen bei dieser 14. Volkszählung seit der Gründung der Türkei 1923 zum ersten Mal angewandt wurde, hat das Stillhalten für Vater Staat für die Türken Tradition. Auch bei den früheren Volkszählungen bekamen die Bürger von der Obrigkeit stets Hausarrest verpasst. Diesmal gab es aber anders als in der Vergangenheit vielerorts Proteste - und zwar nicht nur von Touristen und Reiseunternehmern. Eine kleine Gruppe namens Liberale Aktion ging öffentlichkeitswirksam - wenn auch vergeblich - vor Gericht und beantragte, die Volkszählung abzusagen, weil die Ausgangssperre die Grundrechte der Bürger einschränke und der Staat die Menschen behandele "wie die Schafe".

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