Türkei Missbrauchsprozess : Steinmeier setzt sich für Marcos Freilassung ein

Der 17-jährige Niedersachse scheint sich im Gefängnis vorerst arrangiert zu haben und schloss Freundschaft mit einem Mithäftling aus dem Kosovo.

Susanne Güsten
Marco Türkei
Der 17-Jährige Marco sitzt seit zehn Wochen wegen einer Strafanzeige einer Britin in türkischer Haft. -Foto: dpa

IstanbulWährend der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier sich in seinen Fall einschalten und am Dienstag von seinem türkischen Amtskollegen Abdullah Gül die Freilassung von Marco verlangen will, hat sich der in Antalya inhaftierte 17-jährige Marco W. offenbar mit dem Leben im Gefängnis der südtürkischen Urlauberstadt arrangiert. Der 17-Jährige hat in der Großraumzelle, in der er zusammen mit zwei Dutzend weiteren ausländischen Häftlingen untergebracht ist, Freundschaft mit einem Insassen aus Kosovo geschlossen, der Deutsch spricht. Um sich die Zeit zu vertreiben, spielt der seit Mitte April inhaftierte Uelzener Schüler mit anderen Häftlingen Backgammon. Sein Prozess soll am 6. Juli fortgesetzt werden, doch die Bundesregierung hofft, dass der Teenager aus Niedersachsen bis dahin auf freiem Fuß sein wird.

Beim letzten Besuch seiner Anwälte am vergangenen Freitag habe Marco einen guten Eindruck gemacht, verlautete am Montag aus dem Anwaltsbüro in Antalya: „Er wirkte zufrieden.“ Nach wie vor bestehe aber das kurzfristige Ziel, ihren Mandanten noch vor der Fortsetzung des Prozesses auf freiem Fuß zu haben.

Marco ist aufgrund einer Strafanzeige der Mutter eines britischen Mädchens angeklagt, mit dem er während seines Osterurlaubs im April in seinem Hotel in Antalya geflirtet hatte. Die Britin wirft Marco sexuellen Missbrauch ihrer 13-jährigen Tochter Charlotte vor. Marco und Charlotte hatten ausgesagt, nur miteinander geschmust, aber nicht miteinander geschlafen zu haben. Nach einem Bericht der türkischen Zeitung „Hürriyet“ bestätigten medizinische Untersuchungen, dass Charlotte noch Jungfrau ist; allerdings seien bei dem Mädchen Spermaspuren gefunden worden. Bei einer Verurteilung in der Türkei drohen dem deutschen Teenager bis zu acht Jahre Haft.

Der Fall des Uelzeners Schülers hat zu Beginn der Feriensaison die Frage aufgeworfen, ob Türkeiurlauber eine Gefängnisstrafe riskieren, wenn sie am Strand von Antalya ihre Freundin küssen. Aber die Sitten in den türkischen Feriengebieten sind ganz anders als die im anatolischen Hinterland: Tagsüber sonnen sich barbusige Urlauberinnen am Strand, nachts geht es in den Diskos an den türkischen Sonnenküsten hoch her. Hunderte türkische Kellner und Hotelangestellte bändeln jedes Jahr mit ausländischen Touristinnen an. Mancherorts beschützen türkische Polizisten die Oben-ohne-Touristinnen sogar vor Gaffern.

Verhängnisvoll für Marco W. war also nicht etwa ein altmodischer türkischer Sexualkodex, sondern die Anzeige einer britischen Urlauberin, die ihre Tochter gefährdet sah. Von sich aus wären die türkischen Behörden nicht tätig geworden – aber der schwere Strafvorwurf des sexuellen Missbrauchs zwang die Staatsanwaltschaft in Antalya, ein Verfahren gegen den deutschen Schüler zu eröffnen. In Deutschland gelten ganz ähnliche Gesetze zur Ahndung von Unzucht mit Minderjährigen: Die in der Türkei geltenden Strafen für Sexualdelikte unterscheiden sich dank der EU-Reformen der vergangenen Jahre nicht mehr von denen in Westeuropa.

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