Türkei : Unterwasser-Tunnel: Die neue Seidenstraße

Die technischen Herausforderungen sind ebenso gewaltig wie die historischen Dimensionen: Die Türkei baut einen Unterwasser-Eisenbahntunnel, der Europa mit Asien verbinden soll - er ist fast fertig.

Thomas Seibert[Istanbul]
unterwasser tunnel
Das Marmaray-Projekt. Der Bosporus wird in einem Tunnel unterquert, der von Spezialschiffen versenkt wird. -Foto: laif

Unter dem Marmara-Meer vor der historischen Halbinsel von Istanbul wird Europa mit Asien verbunden. Anfang Juni versenkten Spezialschiffe ein neues Teilstück eines Eisenbahntunnels auf den Meeresboden. Die mit Beton umgebene Doppelröhre misst 135 Meter und wiegt 18 000 Tonnen. Das Stück soll jetzt in bis zu 60 Meter Wassertiefe mit sechs bereits verlegten Teilstücken verbunden werden, bis zum Jahresende wird der Tunnel fertig sein. Wenn die ersten Züge durch die erdbebensicheren Stahlröhren rollen, werden Passagiere und Fracht ohne Unterbrechungen von Westeuropa bis nach Peking fahren können – die alte Seidenstraße entsteht neu.

„Man wird von Europa nach Asien fahren können, ohne aus dem Zug auszusteigen,“ sagt Serap Timur, eine Sprecherin des türkischen Staatsunternehmens DLH, das für den Bau von Zugstrecken, Häfen und Flughäfen zuständig ist. Das „Maramaray-Projekt“, zu dem der Untersee-Tunnel mit seiner geplanten Länge von 1,4 Kilometern gehört, soll eine neue S-Bahn-Verbindung zwischen dem europäischen und dem asiatischen Teil der türkischen Metropole Istanbul ermöglichen. Zusätzlich zu den Vorortzügen wird die Strecke auch internationalen Personen- und Güterzügen zur Verfügung stehen.

Bisher müssen Reisende am Bahnhof Sirkeci am europäischen Ufer von Istanbul aussteigen und mit einer Fähre nach Asien übersetzen, bevor sie vom Bahnhof Haydarpasa ihre Fahrt fortsetzen können. Ähnliches gilt für den Güterverkehr per Bahn: Die beiden Bosporusbrücken in Istanbul sind lediglich für den Straßenverkehr gedacht. „Marmaray“ soll das ändern. Das 2,6 Milliarden Dollar teure Projekt soll in drei Jahren fertiggestellt sein und eine maximale Kapazität von 75 000 Passagieren pro Stunde haben. Damit wird „Marmaray“ ein wichtiges Problem bei der Neuerrichtung der alten Seidenstraße beseitigen. Derzeit werden die Bauarbeiten allerdings immer wieder durch archäologische Funde in den Baustellen der neuen S-Bahn-Stationen verzögert.

In Ostanatolien soll ebenfalls innerhalb von drei Jahren eine bisher fehlende Bahnverbindung zur georgischen Grenze gebaut werden, denn die Türkei, Georgien und Aserbaidschan haben vereinbart, ihre Zugnetze zu koppeln. „Dieses Projekt wird einerseits über Kasachstan nach China reichen und andererseits über ‚Marmaray’ nach London“, sagte der türkische Staatspräsident Abdullah Gül. Die historische Seidenstraße werde neu belebt.

Seidenstraße – das Wort steht für Kamelkarawanen, Abenteuer, Marco Polo. Die uralte Handelsstraße verlor an Bedeutung, als Entdecker neue Seewege für den Handel zwischen Ost und West öffneten. Dass die Türkei und ihre Nachbarn die sagenumwobene Handelsstraße nun neu beleben wollen, hat aber nichts mit Romantik zu tun. Es geht um viel Geld. Der europäisch-asiatische Frachtverkehr auf der Schiene habe ein Volumen von 75 Milliarden Dollar im Jahr, betonte Süleyman Karaman, Chef der türkischen Eisenbahngesellschaft TCDD, erst kürzlich. Aber die Konkurrenz schläft nicht: Russland und Iran werben für eigene Strecken.

Rund sieben Milliarden Dollar im Jahr könne die Türkei verdienen, wenn es ihr gelinge, sich als Knotenpunkt im Ost-West-Verkehr zu etablieren, berichtet die Presse. Dafür braucht das Land eine sichere und moderne Verbindung von ihrer Ost- zu ihrer Westgrenze – und eine schnelle Fertigstellung von „Marmaray“, sagte Karaman: Wenn das Tunnel-Projekt in Istanbul nicht mit aller Kraft vorangetrieben und abgeschlossen werde, „dann sind wir außen vor“.

0 Kommentare

Neuester Kommentar