Türkei : Uralte Stadt soll in Stausee versinken

Die türkische Regierung will im Südosten des Landes ein Wasserkraftwerk bauen, dessen Stausee einen ganzen Landstrich unter Wasser setzen würde.

Istanbul - Unverzichtbarer Bestandteil der Energieversorgung für die einen, unwiderbringlicher Untergang wichtiger Kulturgüter für die anderen: Besonders das Schicksal der rund zehntausend Jahre alten Stadt Hasankeyf am Tigris, die zum Teil in den Fluten des Stausees versinken soll, sorgt für Streit. Noch weiß niemand, ob der so genannte Ilisu-Staudamm wirklich gebaut wird. Große Bedeutung kommt der anstehenden Entscheidung westeuropäischer Regierungen über Kreditbürgschaften für den Damm zu. Nun hat ein Parlamentsabgeordneter einen Vorschlag ins Gespräch gebracht, mit dem er sowohl Hasankeyf als auch das Staudammprojekt retten will.

Der Plan des konservativen Abgeordneten Muharrem Dogan ist simpel. Das Wasser des Tigris soll an der geplanten Staumauer in der Nähe des Dorfes Ilisu nicht wie bisher geplant bis zu einer Höhe von 510 Metern über dem Meeresspiegel aufgestaut werden, sondern nur bis zu einer Marke von 479 Metern. Die Differenz von 31 Metern könnte die Stadt Hasankeyf mit ihren alten Brücken, Höhlen und Grabmälern retten, erläuterte Dogan in einer parlamentarischen Anfrage an Energieminister Hilmi Güler, über die die Zeitung "Hürriyet" berichtete.

Milliardenprojekt soll 2013 fertig sein

Allerdings müssten die Staudamm-Betreiber dafür Einbußen bei der Energieerzeugung und damit beim erwarteten Gewinn hinnehmen: Statt Strom für 300 Millionen Dollar (236 Millionen Euro) im Jahr würde ein seichterer Ilisu-Stausee laut Dogan nur noch Elektrizität für 260 Millionen Dollar produzieren können. Ob Dogan damit beim Energieminister Gehör findet, war am Mittwoch noch nicht klar. Das Projekt kostet 1,2 Milliarden Euro, der rund 130 Meter hohe und fast zwei Kilometer breite Damm soll im Jahr 2013 fertiggestellt sein. Als Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan Anfang des Monats den Grundstein für den Damm legte, betonte er die Bedeutung des Projekts für die wirtschaftliche Belebung des völlig verarmten Kurdengebiets.

Trotz des offiziellen Startschusses durch Erdogan ist aber noch längst nicht sicher, ob das Kraftwerk je Realität wird. Vor fünf Jahren zog sich ein britisches Bauunternehmen unter dem Eindruck in- und ausländischer Proteste aus dem Vorhaben zurück. Nun sollen Firmen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz den Damm errichten. Doch mit einer Entscheidung über staatliche Kreditbürgschaften für die Unternehmen ist erst im Herbst zu rechnen; Ende August wollen Experten der europäischen Kreditinstitutionen die Region im türkischen Südosten besuchen. Um ihrem Widerstand gegen den Ilisu-Damm schon vorher zu unterstreichen, wollen Staudammgegner an diesem Freitag vor dem Sitz der deutschen Euler Hermes Kreditversicherungs-AG in Hamburg demonstrieren.

Staudammgegner befürchten Verarmung der betroffenen Menschen

In Südostanatolien selbst ist ein breites Protestbündnis aktiv, dem auch viele Kommunalpolitiker angehören. Die Staudammgegner verweisen unter anderem darauf, dass mehrere zehntausend Menschen in den Dörfern stromaufwärts vom Damm von dem Projekt betroffen wären - und dass Umsiedlungen und Entschädigungen bei anderen Staudammbauten im Südosten der Türkei in der Vergangenheit alles andere als gut funktioniert hätten. Viele Menschen im Einzugsgebieten wären bei einer Verwirklichung des Projekts zu einer Zukunft in den Armenvierteln der großen Städte verurteilt, sagt das Aktionsbündnis voraus.

Bisher waren die Standpunkte der Damm-Anhänger und der Gegner unvereinbar. Ob der Vorstoß des Abgeordneten Dogan nun einen Ausweg aus dem Dilemma weisen kann, ist unsicher. Der Bürgermeister von Hasankeyf, Abdulvahap Kusen, unterstützt zwar den Vorschlag des Abgeordneten: "Wir sind nicht gegen den Ilisu-Staudamm, wir sind gegen die Vernichtung von Hasankeyf", sagt er. Der Leiter der archäologischen Grabungen in der Stadt, Abdülselam Ulucam, berichtet allerdings, er habe mit den Behörden schon häufig über eine Absenkung des Wasserspiegels gesprochen, sich dabei aber eine Abfuhr eingeholt: Schon ein Meter weniger Wasser habe beträchtliche Verluste bei der Energiegewinnung zur Folge. Der Kampf um Hasankeyf ist noch nicht entschieden. (Von Thomas Seibert, AFP)

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