Türkei : Wenn Gewalt zur Gewohnheit wird

In der Türkei erschießt ein Mädchen seine Mutter und ein Mann seine ganze Familie. "Im Fernsehen werden Kinder ja auch immer freigelassen", sagt die 12-Jährige im Polizeiverhör.

Susanne Güsten

IstanbulDer Vater war auf Frühschicht bei der Eisenbahn und die Geschwister saßen um den Frühstückstisch, als Rabia ihre Mutter im Bett erschoss. Die 14-Jährige holte die Pistole des Vaters aus dem Schrank, schlich ans Elternbett und schoss der schlafenden Mutter in den Kopf. Dann lief sie aus dem Haus und rief die Polizei. Die Mutter habe sie am Schulbesuch hindern wollen, erzählte sie der Polizei und sorgte damit für Schlagzeilen.

Um die Schule ging es bei der Tat allerdings nur vordergründig, wie sich bald herausstellte. Der Fall reiht sich vielmehr in die besorgniserregende Eskalation der Gewalt ein, mit der Familienkonflikte in der Türkei ausgetragen werden. Alleine in der südtürkischen Stadt Adana, wo Rabia ihre Mutter erschoss, starben in den vergangenen zehn Tagen zwölf Menschen bei ähnlichen Verbrechen. Um die Entwicklung zu stoppen, müsse in den Grundschulen eine Erziehung zur gewaltfreien Konfliktlösung eingeführt werden, fordern Experten.

Dass Rabia ein unglückliches Mädchen war, wussten Eltern, Lehrer und Mitschüler schon länger. Es war auch nicht verwunderlich. Schon ihre Geburt hatte die Eltern, die damals bereits fünf Kinder hatten, den Behörden erst zwei Jahre später gemeldet, weshalb sie laut Ausweis heute als Zwölfjährige geführt wird. Als kleines Kind hatten ihre Eltern sie dann einer kinderlosen Tante überlassen - einer Tante von der mütterlichen Seite, die mit Rabias Großvater auf der väterlichen Seite verheiratet war.

Die Tante erzog Rabia offenbar relativ liberal, schickte sie aber vor einem Jahr zu ihrer leiblichen Familie zurück, als ihr Ehemann - Rabias Großvater - starb. Der Konflikt zwischen dem freizügig erzogenen Mädchen und der konservativen Mutter, die sie fortgegeben hatte, war damit programmiert: Um ihre Kleidung, um ihren Freund und um ihre Zukunftspläne stritten sich Mutter und Tochter; auch Schläge soll es dabei gegeben haben.

"Ich bringe die Mutter um."

"Ich habe in den Fernsehnachrichten gesehen, dass Kinder, die ihre Mutter töten, wegen ihres Alters nicht eingesperrt werden", erzählte Rabia wenige Tage vor der Tat einer ihrer Schwestern und setzte hinzu: "Ich bringe die Mutter um." Natürlich habe sie kein Wort davon geglaubt, sagte die Schwester nun der Polizei.

Mit diesem Muttermord ist in Adana allerdings schon zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage das Undenkbare geschehen. Erst letzte Woche erschoss ein 38jähriger Mann dort Mutter, Vater, Bruder, Schwester, Schwägerin und seine drei kleinen Neffen. Acht Stunden lang saß Murat Y. in der Wohnung seiner Schwester Nalan und erschoss jedes Famlienmitglied, das von der Arbeit oder Schule heimkehrend durch die Türe trat. Der Polizei sagte er später, er habe Stress gehabt und Streit mit der Familie.

Das Verbrechen folgte wenige Wochen auf ein Massaker bei einer Hochzeit im weiter östlich gelegenen Mardin, wo mehrere Männer einen ganzen Zweig ihrer Sippe wegen innerfamiliärer Streitigkeiten auslöschten - 44 Familienangehörige starben bei der Tat, drei ungeborene Kinder nicht mitgerechnet. Aber auch bei weniger spektakulären Taten sterben fast täglich Menschen in der Türkei bei Familienstreiten, die mit der Schusswaffe oder dem Messer ausgetragen werden. "Die Gewalt ist zur Gewohnheit geworden", erklärt die Soziologin Nilüfer Narli diese Eskalation. "Die Menschen halten Gewalt für ein Instrument zur Konfliktlösung."

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