Türkei : "Wettbewerb der Religionen" im Fernsehen?

Bei Gottschalk kann man Wetten gewinnen, bei Jauch kann man Millionär werden, aber beim türkischen Kanal T sollen die Kandidaten demnächst einen unbezahlbaren Preis erringen können: das Seelenheil.

Thomas Seibert[Istanbul]

Der Sender bereitet nach eigenen Angaben eine Fernsehshow der ganz besonderen Art vor. Vertreter von vier Weltreligionen - Islam, Christentum, Judentum und Buddhismus - sollen versuchen, vor der Kamera möglichst viele Atheisten für ihren jeweiligen Glauben zu gewinnen. "Wettbewerb der Religionen" oder "Wettbewerb der Reuigen" soll die Sendung heißen, berichten türkische Medien. Im November solle es losgehen, sagte eine Sprecherin des privaten Senders Kanal T.

Das Konzept der Sendung ist einmalig im internationalen Fernsehgeschäft. Experten sollen zunächst unter den Bewerbern zehn Teilnehmer der Show auswählen; die Fachleute sollen sich davon überzeugen, dass die Kandidaten nicht nur vorgeben, Atheisten zu sein. Anschließend werden die zehn Auserwählten mehrere Tage lang dem religiösen Dauerbeschuss eines Imams, eines Priesters, eines Rabbis und eines buddhistischen Mönches ausgesetzt. Die Geistlichen sollen nacheinander mit den Bewerbern sprechen - es wird also einen Christen-Tag geben, einen Tag für den Islam, und so weiter.

Religionsamt entsetzt

Zum Schaulaufen der Religionen gehört auch, dass sich die Kandidaten verschiedene Gotteshäuser wie Moscheen, Kirchen und Synagogen ansehen. Als Preis winkt den Bekehrten am Ende eine Reise zu einem spirituellen Zentrum ihres neuen Glaubens: nach Mekka, nach Rom, nach Jerusalem oder nach Nepal.

So ungewöhnlich wie die Idee für die Show ist auch die treibende Kraft dahinter: Seyhan Soylu, genannt "Sisi", ist eine für ihre rechtsnationalistischen Ansichten bekannte Transsexuelle. Als sie im Sommer mit ihren Plänen an die Öffentlichkeit trat, reagierte das staatliche türkische Religionsamt entsetzt. Die Behörde, der alle Imame in der Türkei unterstehen, verbot ihren Geistlichen, am "Wettbewerb" teilzunehmen. Dann werde man eben einen Imam aus Marokko einfliegen, entgegnete der Sender kürzlich.

"Sisi" sagt, sie könne die Aufregung um die Sendung nicht verstehen. "Wir lassen die Religionen nicht gegeneinander antreten, wir verwurzeln bei den Menschen die Liebe zu Gott", betonte sie in einer türkischen Zeitung. Mehr als 200 Freiwillige hätten sich bereits als atheistische Glaubenskandidaten gemeldet, berichtete "Sisi".

Gefahr für Missionare

Auch in anderen Ländern wäre die Vorstellung, dass Religionen ausgewählt werden wie ein Ferienziel oder eine neue Küche, als Grundidee für eine Fernsehshow ungewöhnlich. In der Türkei tritt bei "Sisis" Plan noch ein weiterer ernster Aspekt hinzu. Obwohl die türkische Republik offiziell ein laizistischer Staat ist, in dem jeder nach seiner religiösen Facon glücklich werden kann, kann insbesondere die christliche Missionarstätigkeit lebensgefährlich sein. Vor zwei Jahren töteten Nationalisten im ostanatolischen Malatya drei Christen, darunter einen deutschen Missionar, weil sie den christlichen Glauben als Gefahr für den Zusammenhalt der überwiegend muslimischen Türkei betrachteten.

Was geschieht also, wenn der christliche Priester in der Sendung als Menschenfischer erfolgreicher sein sollte als der Import-Imam? "Wir halten geheim, welchem Glauben sich die Kandidaten zuwenden", verspricht "Sisi". Nach ihren Worten haben wohlhabende Sponsoren verschiedener Religionen bereits angeboten, die versprochenen Reisen für die Bekehrten zu finanzieren. Ein jüdischer Geschäftsmann wolle einen Kandidaten nach Israel fliegen lassen, ein griechischer Unternehmer biete einem frisch gebackenen orthodoxen Christen einen Griechenland-Urlaub an. Nach Medienberichten soll auch die katholische Kirche Interesse an einer Teilnahme bekundet haben.

All das sei doch nichts als "Scharlatanerei", kritisierte der Chef der türkischen Religionsbehörde, Ali Bardakoglu. "Es gibt nichts, was die Leute für Einschaltquoten nicht tun." Möglicherweise dient die ganze Aufregung aber auch nur als Reklame für eine kleine, kaum bekannte Fernsehanstalt. Ursprünglich war jedenfalls der September als Sendestart vorgesehen - jetzt soll es noch weitere zwei Monate dauern, bevor der "Wettbewerb der Religionen" beginnt. Bis dahin darf weiter öffentlichkeitswirksam über die Show gestritten werden.

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