Welt : Türken gegen Freilassung von Marco

Thomas Seibert

Aus Verärgerung über die deutsche Haltung im Fall Marco W. fragt die türkische Presse jetzt nach den Haftbedingungen türkischer Häftlinge in der Bundesrepublik. Nach Zahlen des türkischen Außenamtes seien in den letzten zwei Jahrzehnten 76 türkische Staatsbürger in deutschen Gefängnissen ums Leben gekommen, meldete die regierungsnahe Zeitung „Today’s Zaman“ am Samstag. In den letzten zehn Jahren hätten 38 Türken in deutschen Haftanstalten Selbstmord verübt oder seien „unter verdächtigen Umständen“ zu Tode gekommen. Türkische Gruppen in Deutschland wollten sich dieses Themas jetzt annehmen, meldete die Zeitung.

Der im südtürkischen Antalya inhaftierte Marco W. soll am kommenden Freitag zum zweiten Mal vor den Richter treten; ihm wird sexueller Missbrauch eines 13-jährigen britischen Mädchens in einem Hotel in Antalya vorgeworfen. Die Mutter des Mädchens hatte gegen Marco Strafanzeige erstattet. Der Schüler sitzt seit Mitte April in der Südtürkei in Untersuchungshaft, bei einer Verurteilung drohen ihm bis zu acht Jahre Haft. Die Bundesregierung fordert seine baldige Freilassung.

Der Leiter des Essener Zentrums für Türkeistudien, Faruk Sen, sagte „Focus“, der Teenager aus Niedersachsen werde „vermutlich nach seinem Prozess am 6. Juli nach Deutschland zurückkehren“ können. Zur Begründung sagte Sen, Marco habe die meiste Zeit der zu erwartenden Strafe schon abgesessen. Die Reststrafe könne nach türkischem Recht in eine Geldbuße umgewandelt werden. In türkischen Justizkreisen hieß es am Samstag jedoch, ein Urteil im Prozess gegen den 17-jährigen aus Uelzen sei am kommenden Freitag auf keinen Fall zu erwarten. Zudem sei Marco nach dem Paragrafen 103 des türkischen Strafgesetzbuches angeklagt, der eine Mindeststrafe von drei Jahren vorsieht; deshalb habe Marco keinesfalls bereits einen Großteil der zu erwartenden Strafe abgesessen. Der Strafvorwurf sei schwerwiegend. Die Entscheidung über eine vorzeitige Haftentlassung sei allein Sache des Richters. Ein hochrangiger türkischer Richter hatte bereits am Freitag darauf verwiesen, dass der Prozess gegen Marco wegen der schweren Anschuldigungen selbst dann weitergehen müsse, wenn die Familie des mutmaßlichen Opfers die Strafanzeige zurückziehen sollte. Türkische Experten wiesen zudem auf die Fluchtgefahr im Fall Marco hin.

Türkische Politiker, Juristen und Medien kritisieren seit Tagen die Forderungen aus Deutschland, Marco auf freien Fuß zu setzen. Vizepremier Mehmet Ali Sahin verbat sich jeden Druck auf die türkische Justiz, die Zeitung „Sabah“ hielt den Deutschen in einem Leitartikel am Samstag blanken Rassismus vor. Die türkische Justiz behandele den Fall Marco im Rahmen der geltenden Gesetze. Unterstützung erhielt die türkische Seite aus Deutschland. Der Vorsitzende des Richterbundes, Christoph Frank, sagte im „Spiegel“, in einem Fall wie dem von Marco W. würde auch in Deutschland „im Prinzip nichts anderes gelten“ als in der Türkei. Auch hierzulande käme für einen ausländischen Jugendlichen unter diesen Umständen Untersuchungshaft in Betracht. Thomas Seibert