• Türken sind wütend auf ihre Behörden - Bürokratie, wo schnelle Hilfe gefragt ist

Welt : Türken sind wütend auf ihre Behörden - Bürokratie, wo schnelle Hilfe gefragt ist

Thomas Seibert

Die Türken sind gewöhnlich ein duldsames Volk und lassen sich von ihrem aufgeblähten Staatsapparat viel gefallen. Es ist daher ein Maß ihrer Verzweiflung, wie wütend die Bevölkerung in diesen Tagen auf die Behörden losgeht und sie des Versagens angesichts der Erdbebenkatastrophe bezichtigt. In der schwer zerstörten Stadt Sakarya stellten sich die sonst staatsgläubigen und autoritätshörigen Menschen mit bloßen Händen den städtischen Bulldozern entgegen, als diese anrückten, um den Schutt der eingestürzten Häuser abzutragen: Verwandte und Freunde von Verschütteten befürchteten, die schweren Maschinen könnten ihre noch unter dem Schutt vermuteten Überlebenden zerquetschen. In Presse und Öffentlichkeit hagelt es Kritik an Regierung und örtlichen Verwaltungen - in einem Land, in dem die Obrigkeit sonst meist ohne große Einsprüche schalten und walten kann wie sie will, eine ungewohnte Demonstration der Bürgermacht.

In Ankara werde hart gearbeitet, schrieb die sonst staatstreue Zeitung "Cumhuriyet" mit bösem Spott. Fast jedes Ministerium habe einen Krisenstab eingerichtet - doch außer Bestandsaufnahmen werde dort nichts getan. Das Kabinett habe das Marmara-Gebiet zur Krisenregion erklärt, als ob das Problem damit erledigt sei. "Offenbar hat der Staat keine andere Funktion, als die Toten zu zählen."

Einwohner der erdbebenzerstörten Stadt Gölcük protestierten lautstark dagegen, dass die staatlichen Hilfsbemühungen fast ausschließlich der örtlichen Militärbasis zugute kamen, während die Zivilisten vergeblich auf Hilfe warteten. "Wir sind doch auch Menschen", beklagten sich die Menschen türkischen Zeitungsberichten zufolge. Da gerade die Armee die mächtigste und angesehenste Institution im Land ist, die in normalen Zeiten über aller Kritik steht, zeigen die Beschwerden das ganze Ausmaß des Zorns. In seltener Einmütigkeit zählten die Zeitungen die Verfehlungen der Behörden auf: Kein Strom, kein Wasser, kein Brot im Katastrophengebiet, keine Dolmetscher für die ausländischen Helfer, unbeerdigte Leichen auf den Straßen, Telefon- und Verkehrsnetze noch zwei Tage nach dem Beben nicht wieder hergestellt. Diese Kritik am türkischen Staat steht im scharfen Gegensatz zu dem Lob für die ausländischen Helfer.

"Die Menschen sind zu allen Opfern bereit, aber die Bürokratie ist zu schwerfällig", bilanzierte Meinungsführer "Hürriyet". Angesichts dieses Sturmes der Entrüstung gestand Ministerpräsident Bülent Ecevit am Donnerstag ein, daß mit den staatlichen Rettungsanstrengungen nicht alles zum Besten stehe. Der Staat habe aber alle seine Ressourcen mobilisiert, versicherte Ecevit. "Die Straßen sind doch schon unter normalen Umständen völlig zerrüttet", beschwerte sich "Cumhuriyet". Tatsächlich sind viele Probleme, die jetzt tödliche Ausmaße annehmen, im Ansatz schon im türkischen Alltag vorhanden. In der Türkei gibt es auch zu normalen Zeiten so viele Unterbrechungen in der Versorgung mit Wasser und Elektrizität, dass viele Wohnhäuser ihren eigenen Wassertank haben. Selbst in Istanbul fiel noch Tage nach dem Beben zeitweise der Strom aus; die Telefonverbindungen waren überlastet.

Die volle Wucht der öffentlichen Wut traf aber vor allem die Bauaufsichten wie auch die Bauunternehmer, die für den Einsturz tausender illegal und schlampig gebauter Häuser verantwortlich gemacht werden. Als "Händler mit dem Tod" stellte "Milliyet" einen Bauunternehmer aus Yalova vor, dessen Häuser fast alle eingestürzt sein sollen. Eine aufgebrachte Menge in Yalova steckte das Auto des Firmenchefs in Brand.

So verständlich der Volkszorn ist und so überfällig die offene Auseinandersetzung mit der Bürokratie ist, so ist die Kritik doch nicht uneingeschränkt berechtigt. Die Schwarzbauten sind genau deshalb illegal, weil die Behörden den Einzug eben nicht genehmigt hatten. Solange nichts schief geht, betrachten die meisten Türken es als Gewohnheitsrecht, ihre Häuser ohne behördliche Bauaufsicht zu errichten und haben auch nichts gegen Kostenersparnisse bei der Bauweise. Als vor einigen Wochen ein illegal errichtetes Privatkrankenhaus im asiatischen Teil von Istanbul abgerissen werden sollte, liefen Ärzte, Patienten und Lokalpresse Sturm gegen diese "Behördenwillkür".

Auch die Kritik am schleppenden Fortgang der Reparaturen im Erdbebengebiet traf nicht immer ins Schwarze. So waren die Elekrizitätswerke mancherorts am Donnerstag zwar wieder funktionstüchtig; die Behörden wollten aber deshalb noch nicht ans Netz gehen, weil das weitere Lebensgefahr für viele Verschüttete durch Stromschläge und Brände bedeutet hätte. Ein Provinzgouverneur, der wegen seiner Zurückweisung von Lebensmittelspenden angegriffen wurde, wies darauf hin, daß das gespendete Yoghurt beim Transport in der Hitze noch vor Ankunft verdorben wäre.

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