Tunesien nach Anschlag auf Bardo-Museum : Massentourismus ohne Massen

Nach dem Attentat auf das Bardo-Museum in Tunis fürchten die Tunesier um ihre wichtigste Einnahmequelle - den Massentourismus. Viele Urlauber haben nach dem blutigen Anschlag ihre Reise in das Land storniert.

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Die Aussicht von diesem Cafe in Sidi Bou-Said, einem Edelvorort von Tunis, ist bei Einheimischen und Urlaubern gleichermaßen beliebt – die Aussichten im Tourismusgeschäft Tunesiens dagegen sind gar nicht gut.
Die Aussicht von diesem Cafe in Sidi Bou-Said, einem Edelvorort von Tunis, ist bei Einheimischen und Urlaubern gleichermaßen...Foto: Katharina Eglau, Winterfeldtstr.

Karim Ben Hassine Bey hatte immer eine ganz besondere Beziehung zum Bardo-Palast in Tunis. Sein Urgroßvater war einst der Besitzer, hat dort als König residiert, da, wo jetzt das demokratische Parlament und das Nationalmuseum untergebracht sind. Urenkel Karim dagegen studierte Tourismus und führt seit 15 Jahren als Manager das Dar Said, das älteste Boutiquehotel Tunesiens. Von der Terrasse hat man einen atemberaubenden Blick über das azurblaue Wasser des Mittelmeers. Die ehemalige Notablenvilla aus dem 19. Jahrhundert liegt in Sidi Bou-Said, einem mediterranen Edelvorort der Hauptstadt, und ist bei Einheimischen und Touristen gleichermaßen beliebt.

Zwei seiner Gäste, betagte Damen aus Frankreich, waren während des Attentats in der weltberühmten Mosaikensammlung, als die beiden Terroristen das Feuer eröffneten, 22 Besucher töteten und 50 verletzten. Geistesgegenwärtig schlossen sich die Seniorinnen in einer Toilette ein, die Täter traten gegen die Tür, ließen dann aber ab und rannten weiter. Bleich und entgeistert trafen die beiden Damen am Nachmittag wieder im Dar Said ein – und reisten am nächsten Tag ab.

Auslastung auf 50 Prozent gesunken

„Es wird unsere Reservierungen treffen, nicht sofort, aber im Mai, Juni und im Sommer“, befürchtet Karim Ben Hassine Bey. Seit dem Arabischen Frühling im Januar 2011 ist die Auslastung seiner 23 stilvollen Luxuszimmer auf etwa 50 Prozent gesunken. Nach den erfolgreichen Präsidentenwahlen im vergangenen Dezember schienen die Buchungen endlich wieder Tritt zu fassen. Gäste aus aller Herren Länder sagten sich für 2015 im Dar Said an, genauso polyglott und bunt gemischt wie die Bardo-Besucher an jenem schrecklichen Terrortag.

Für die kleine Elf-Millionen-Nation, die im Gegensatz zu seinen Nachbarn Libyen und Algerien keine Öl- oder Gasvorkommen hat, ist das Feriengeschäft der wichtigste Wirtschaftszweig. 400 000 Menschen leben vom Fremdenverkehr, weitere zwei Millionen sind als Fahrer, Handwerker, Ladenbesitzer oder Landwirte indirekt vom Tourismus abhängig, das ist gut die Hälfte der arbeitenden Bevölkerung. 19 Prozent des Bruttosozialprodukts erzeugt die Urlaubsbranche und gehört damit zum Rückgrat der tunesischen Volkswirtschaft.

„Noch ist es viel zu früh, die Auswirkungen von Bardo zu analysieren“, erklärte der Chef der UN-Welttourismusorganisation, Taleb Rifai, Anfang der Woche in Tunis. „Die Stunde der Wahrheit wird erst in den nächsten Monaten kommen.“

In den besten Jahren beherbergte die kleine maghrebinische Nation sieben Millionen Feriengäste pro Jahr. Nach dem Sturz von Diktator Zine el-Abidine Ben Ali brach das Geschäft um eine Million ein, wenn auch nicht so katastrophal wie beim Hauptkonkurrenten Ägypten, wo gleich vier Millionen Touristen wegblieben.

Der Löwenanteil der zahlenden Besucher kommt aus Algerien. Aus Großbritannien, Deutschland, Spanien und Frankreich sind es momentan jeweils 400 000 pro Jahr, während das Geschäft mit den Russen wegen des weichen Rubels gerade zusammenbricht.

Hammamet, der 80 Kilometer von Tunis entfernte Badeort, fehlt in keinem Pauschalreise-Prospekt. Ein Viertel aller 190 000 Hotelbetten des Landes stehen hier, wo schon in den sechziger Jahren zehntausende Wirtschaftswunder- Deutsche ihren ersten Mittelmeerurlaub verbrachten. Die Gemeinde mit der malerischen weiß-blauen historischen Altstadt ist berühmt für ihre Zitronen- und Olivenhaine. Schon zu römischen Zeiten kamen Familien zum Baden hierher. Heute stapeln sich in dem lokalen Tourismusbüro vor allem russische und polnische Prospekte. Die Belegungsrate der Hotels dümpelt bei mageren 45 Prozent und liegt damit nur fünf Prozent über dem „toten Punkt“, wo die roten Zahlen beginnen.

Zwei junge Tunesier machen das Werk einer ganzen Generation zunichte

Hotelbesitzer Habib Bouslama, Vizechef des tunesischen Tourismusverbandes, kann es einfach nicht fassen. Sein ganzes Leben hat der 69-Jährige in das Vier-Sterne-Hotel Nahrawess in Hammamet gesteckt, bei dem nach Bardo sofort Stornierungen eingingen. Die Vorstellung, dass zwei junge Tunesier das Werk einer ganzen Generation ihrer eigenen Landsleute zunichte machen wollen, treibt ihm Tränen in die Augen. „Sie sind gegen alles, was uns wichtig ist. Es macht mich krank, wenn ich daran denke“, sagt er. Eine Million Menschen hätten keine Arbeit. Der Tourismussektor sei der Motor der Wirtschaft. Und so hofft Bouslama, dass das Bardo-Attentat für seine Heimat ähnlich glimpflich abgeht wie das Attentat auf die Redaktion des französischen Satiremagazins „Charlie Hebdo“ für die Pariser Hotelbranche.

Die Terrorkatastrophe versteht er aber auch als Weckruf, um über die künftige Struktur der tunesischen Urlaubsindustrie zu debattieren. „Der Massentourismus seit den achtziger Jahren macht alles kaputt“, sagt er, „,All Inclusive' ist eine Katastrophe, wir brauchen neue Ideen, neue Produkte und neue Angebote.“ Die Rundum-Gäste kommen angereist, sagen später, sie waren in Tunesien, waren aber in Wirklichkeit kein einziges Mal vor der Hoteltür. Das mache den Tourismus monoton, schwach und krisenanfällig.

„Nur wenn das Angebot breit gefächert, vielfältig und abwechslungsreich ist, sind die Touristen schnell wieder zurück“, ist er überzeugt. Und so haben Bürger von Hammamet eine Initiative gegründet, die Kultur- und Ökotourismus fördern will, ebenso wie Wanderungen in den Bergen, Kuren, Vogeltouren oder Ferien auf dem arabischen Bauernhof.

„Offenes Tunesien“ nennt Fethi Guizani seine Reiseagentur, über die er vor allem individuelle Programme anbietet. Die Mehrheit seiner Kunden sind wohlhabende Algerier. Sie werden weiterhin kommen, da ist der Chef des tunesischen Reisebüroverbandes sicher. Als junger Mann hat er in Deutschland Informatik studiert.

„Wir müssen vor allem unsere europäischen Gäste überzeugen, dass wir die Lage in den Griff bekommen“, sagt der 56-Jährige, dessen beide Söhne in Bremen zur Universität gehen. „Wir schaffen das. Das Leben geht weiter. Wir werden alles tun, damit sich Bardo nicht wiederholt.“

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