• Tunnelkatastrophe: Mitten in der Hölle: Soldaten bergen die Opfer von Kaprun aus dem Tunnel - manche werden nie identifiziert werden können

Welt : Tunnelkatastrophe: Mitten in der Hölle: Soldaten bergen die Opfer von Kaprun aus dem Tunnel - manche werden nie identifiziert werden können

Paul Kreiner

638 Meter durch einen Stollen in den Berg hinein, dann 350 Höhenmeter im Tunnel steil abwärts. 2000 Stufen, im Gänsemarsch. Dann steht man "mitten in der Hölle", wie ein Helfer sagt. Eine Viertelstunde brauchen die Bergungsmannschaften für den Abstieg, den Rückweg können professionelle, konditionsstarke Bergretter "in 35 oder 40 Minuten schaffen, wenn sie nichts auf dem Buckel haben", sagt der Salzburger Militärkommandant Roland Ertl. Aber seine Männer, die da im Bergbahntunnel von Kaprun das aufsammeln, was noch aufzusammeln ist - sie haben Gewaltiges auf dem Buckel.

Infernalischer Geruch

In einem infernalischen Geruch müssen sie die Leichen bergen. In dem düster beleuchteten, engen Stollen mit seiner teilweise weggeschmolzenen Stahltreppe arbeiten sie die ganze Nacht hindurch. Die Schichten dauern maximal eineinhalb Stunden; mehr ist den Soldaten nicht zuzumuten. Und am Ausgang des Stollens stehen Psychologen, um über das Schlimmste mit den Helfern wenigstens einmal zu reden.

Um das zu beschreiben, das die Männer im Stollen zu sehen bekommen, rettet sich der Salzburger Kripochef Franz Lang in polizeitechnisch nüchterne Formulierungen. Durch die große Hitze sei in der Bergbahn "eine Verschmelzung bis auf Bodenplattenebene" erfolgt "mit einigen wenigen herausragenden Teilen". Auch bei den stark verkohlten Leichen habe man "eine große Verschmelzung untereinander und mit der Umgebung" festgestellt: "Wir müssen jedes Opfer einzeln herauslösen, um nicht zu sagen: sezieren." Und: "Die Angehörigen werden die Opfer wahrscheinlich nie sehen."

Es ist Montag, mehr als 48 Stunden nach der Katastrophe. Im Tunnel suchen neben den Bergungskräften auch Kriminaltechniker die Asche nach Spuren durch, um vielleicht in einigen Wochen die Unglücksursache mitteilen zu können. Noch immer wird nur gerätselt, was in dem angeblich sichersten Transportmittel der Welt - so Horst Kühschelm vom österreichischen Verkehrsministerium - zu brennen begonnen hat. "Höchstwahrscheinlich war es ein Schwelbrand", sagt Kripochef Lang.

Doch der Zug hat keinen eigenen Antrieb, auch keine Heizung im Führerhaus, die Batterien für Licht und Signaltechnik an Bord befinden sich angeblich im oberen Führerhaus, also am genau entgegengesetzten Ende. Waren die Bremsen nicht richtig gelöst? Gab es Reibungshitze? Funkenflug? Horst Kühschelm von der Aufsichtsbehörde schüttelt den Kopf: so etwas sei "an sich nicht vorstellbar". Aber Kühschelm sagt gegenüber so vielen Bedenken, die von Journalisten an ihn herangetragen werden, das sei "nicht vorstellbar". War nicht er es, der tags zuvor erklärt hat, im "oberen Bereich des Zuges" habe man die "Türen geöffnet" vorgefunden? Aber wie will einer den Öffnungszustand von Türen erkennen, wenn der Zug bis zum Fahrgestell zusammengeschmolzen ist? "Nein, wir haben nichts gesehen", gibt Kühschelm am Montag zu.

Dafür hat der Österreichische Rundfunk am Montagmorgen eine eindeutige Zeugenaussage verbreitet. Der 39jährige Oberösterreicher Gerhard Hanetseder war mit seiner Tochter in der Bahn, gleich neben dem unteren Führerhaus. Plötzlich habe die ganze Führerkabine gebrannt, der Zug sei stehen geblieben, Rauch habe das Abteil erfüllt. "Panik hat sich ausgebreitet. Wir haben krampfhaft versucht, die Türen aufzumachen. Das ist nicht gegangen. Wir sind mutlos geworden. Wir waren eingesperrt." Bis ein Mann eben das Fenster einschlug, "das Loch war nicht größer als die Fläche von zwei Blatt Papier"; da schickte Hanetseder seine Tochter vor, und weil sie nicht durchkam, "hab ich ihr einen Schubser gegeben, dann ist sie hinuntergefallen". Hanetseder stieg hinterher und mit zehn anderen den Tunnel abwärts nach draußen. In der Pressekonferenz geben Betriebsleitung und Ministeriumssprecher zu, dass eine Öffnung der Türen von innen in der Tat nicht vorgesehen war: "Die Türen werden vom Wagenführer elektrisch oder manuell und von außen geöffnet. Das entspricht der Vorschriftenlage."

Mit dem Hubschrauber sind am Montagnachmittag die ersten 29 Leichen in die Gerichtsmedizin nach Salzburg gebracht worden, besser gesagt: in ein eigens zu diesem Zweck angemietetes Kühlhaus. Hier soll die Identität der Opfer geklärt werden - mittels DNA-Analysen.

Die Angehörigen, sagt Edith Tutsch-Bauer, Leiterin der Salzburger Gerichtsmedizin, hätten auf Bitten der Polizei hin bereits eine Menge an persönlichen Gegenständen der Opfer zur Verfügung gestellt: "Getragene Kleidungsstücke, Zahnbürsten, Kämme, Rasierapparate, an denen noch Hautschuppen hängen" - aus denen dann die Erbsubstanz des Trägers isoliert und mit dem Befund aus den Leichen verglichen wird.

Damit sollen eindeutige Zuordnungen möglich sein; österreichische Medien weisen aber darauf hin, dass bei allzu starker Verbrennung und dem Zerfall von zu Kohlenstoff kein DNA-Material mehr zu gewinnen sein könnte.

Nichts mehr übrig

In diesem Sinn zitierten Presseagenturen etwa den Hamburger Rechtsmediziner Klaus Püschel mit den Worten, in der Asche lasse sich nichts mehr identifizieren. Püschel sagt auch, es sei zu befürchten, dass die Zahl der Identifizierten nicht mit der Zahl der Opfer übereinstimmen werde. "Man muss damit rechnen, dass von einigen gar nichts mehr übrig bleibt, weil im Tunnel Temperaturen wie in einem Krematorium herrschten." Demgegenüber zeigt sich die Salzburgerin Tutsch-Bauer zuversichtlicher: "Durch das Feuer im Tauerntunnel haben wir in Salzburg viel Erfahrung mit Material gesammelt, das durch Hitze stark verändert ist", sagt sie. Die Situation im Tauerntunnel vor eineinhalb Jahren ähnelt der Situation im Tunnel der Kapruner Gletscherbahn sehr.

Damals kamen zwölf Menschen ums Leben - die Zahl der Opfer wäre erheblich größer gewesen, wenn es nicht erst fünf Uhr morgens gewesen wäre. Auf der Autobahn war zu diesem Zeitpunkt kaum jemand unterwegs. Die Bergung damals nahm eine volle Woche in Anspruch.

Drei bis vier Tage veranschlagt Tutsch-Bauer für eine einzige DNA-Untersuchung, aus technischen Gründen, nicht weil es an Personal mangeln würde. Und wann werden alle Opfer aus Kaprun identifiziert sein? "Wir werden der Presse von jetzt an keine Auskünfte mehr geben. Wir werden rasch arbeiten. Meine Mitarbeiter haben Wohnungen auf dem Klinikumsgelände bezogen. Wir werden das ganze Wochenende durcharbeiten. Aber drei bis vier Wochen werden wir schon brauchen."

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