Turiner Grabtuch : Aktenzeichen Grabtuch ungelöst

Stammt der berühmte Stoff von Turin doch aus der Zeit Jesu? Ein US-Forscher jedenfalls ist da sicher

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Der Krimi um das Grabtuch von Turin geht weiter. Die fromme Legende behauptet, Jesus selbst habe darin gelegen, und in der Tat sieht man auf dem gut vier Meter langen Leinenstreifen die Abdrücke eines zu Tode gequälten Menschen mit Wunden, die auf Geißelung, Dornenkrone und Kreuzigung hindeuten. Die Frage ist nur: Wie echt ist das Tuch? 1988 glaubten Wissenschaftler herausgefunden zu haben, dass der Stoff frühestens im Mittelalter gewebt worden sein kann; die so genannte C-14-Methode, die über den Zerfall von Kohlenstoffbestandteilen das Alter eines Materials bestimmt, habe das „mit 95 Prozent Sicherheit“ erwiesen.

Das hat den amerikanischen Chemiker Raymond N. Rogers nicht ruhen lassen. Als „Sindonologe“, also Grabtuchwissenschaftler, glaubt er schon seit Jahrzehnten an die Echtheit des Tuchs und schreibt nun in der Fachzeitschrift „Thermochimica Acta“, das Leinen sei „zwischen 1300 und 3000 Jahren alt“. Es könnte also aus der Zeit Jesu stammen.

Rogers hat eine neue Datierungsmethode entwickelt: Er sucht nach Vanillin. Der Stoff entsteht, wenn der im Flachs enthaltene Holz-Grundstoff Lignin zerfällt. Wäre das Leinen erst im 13. Jahrhundert entstanden, müssten in seinem Lignin noch 37 Prozent Vanillin zu finden sein, sagt Rogers. Da in den Fasern des Grabtuchs aber das Vanillin zur Gänze verschwunden sei, sei dieser Stoff zwangsläufig älter.

Aber wie konnte die in der Fachwelt anerkannte C-14-Methode zu anderen Ergebnissen kommen? Die Untersuchung von 1988 hat eigentlich niemanden zufrieden gestellt. Sie fand unter erheblicher Geheimniskrämerei statt; wissenschaftlich nachvollziehbare Protokolle fehlen. Rogers behauptet nun, die Kollegen von damals hätten nicht Original-Fasern untersucht, sondern Fäden, die irgendwann irgendwo von irgendjemandem in das Tuch hineingewebt worden seien, um irgendwelche Fehler auszubessern oder zu überdecken.

Mit den berühmten „Flicken“ hat das nichts zu tun. Diese waren von frommen französischen Nonnen 1534 hinter jene Löcher des Grabtuchs genäht worden, die bei einem Kirchenbrand entstanden waren. Diese Flicken waren mit bloßem Auge sichtbar und wurden 2002, bei der großen Restaurierung des Tuchs, entfernt. Rogers hingegen spielt auf fachmännisch überaus geschickte „Einwebungen“ an, die man sich der Technik nach – laienhaft gesprochen – etwa wie das Stopfen von Socken vorstellen muss. Rogers will sogar die präzise, dem Original täuschend ähnliche Färbung dieser Fäden nachgewiesen haben. Die dazugehörige Technik (Alizarin/Färberröte) sei in Europa in der Tat erst vom Jahr 1291 an belegt. Die Studie von Rogers unterstützt ältere mikrobiologische Studien: Israelische Forscher hatten bei Untersuchungen des Tuches Pollen und Pflanzenabdrücke gefunden, die es um diese Zeit ausschließlich im Nahen Osten gegeben habe.

Doch erhebt sich Einspruch. Rogers’ Datierungsmethode sei wissenschaftlich neu und nirgendwo abgesichert, kritisiert die Fachwelt der Textilhistoriker. Und Monsignor Giuseppe Ghiberti, der Grabtuch-Beauftragte der Erzdiözese Turin, schüttelt den Kopf: Einwebungen, wie Rogers sie annehme, gebe es schlicht und einfach nicht. Das hätten die umfangreichen Untersuchungen von 2002 eindeutig bestätigt. „Mich wundert“, sagt Ghiberti, „dass ein Spezialist wie Rogers in solche Ungenauigkeiten verfallen kann.“ Mit anderen Worten: Die Geheimnisse dieses Tuchs sind wieder einmal nicht gelüftet.

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