TV-Talentshow : "Haariger Engel" trällert das Publikum an die Wand

Die arbeitslose Küchenhilfe Susan Boyle rührt die Engländer zu Tränen. In der Show "Britain's Got Talent" wandelt sie auf den Spuren von Paul Potts.

Matthias Thibaut[London]
Boyle
Susan Boyle.Foto: promo/ITV 1

Eine Boulevardzeitung taufte sie den „haarigen Engel“. Talentrichter Piers Morgan war „geschockt“. Für Jury-Kollegin Amanda Holden war es „der größte Weckruf der Geschichte gegen Zynismus und Überheblichkeit“. Mit ihrem Auftritt in der TV-Talentshow „Britain’s Got Talent“ wurde die 48-jährige arbeitslose Küchenhilfe Susan Boyle zum Instant-Hit und rührte die halbe Nation zu Tränen. Als sie am Ostersonntag nach dem Auftritt zu Hause in Bathgate bei Glasgow in die Kirche ging, erhielt sie stehenden Beifall. Nur sie selbst war unzufrieden mit dem Auftritt: „Ich sah aus wie eine Garage. Hoffentlich war es nicht das, was den Menschen die Tränen in die Augen trieb“; sagte sie dem „Mirror“.

Mit Doppelkinn, Lockenwicklerfrisur, buschigen Augenbrauen und ihrem alten cremefarbenen Sonntagskleid trat Susan Boyle bei der Vorrunde als eines jener unfreiwillig komischen Talente auf die Bühne, die solche Wettbewerbe unwiderstehlich machen. „Ich bin arbeitslos, suche nach einem Job, war nie verheiratet und wurde nie geküsst“, fasste sie ihr Leben zusammen. Als sie dann sagte, sie wolle Berufssängerin werden, den Musical- und Filmstar Elaine Page als Vorbild nannte und begann, ihre kraftvollen Hüften kreisen zu lassen, ging ein abschätziges Raunen durchs Publikum. Jury-Mitglieder verdrehten die Augen.

Doch dann setzte sie sicher mit dem ersten Ton der Musical-Schnulze „I dreamed a dream“ aus „Les Miserables“ ein. Nach ein, zwei Sekunden geschockter Stille brach Jubel aus. Das Publikum sprang auf die Beine. Auch Jurorin Holden, mit edel aufbereitetem Gebiss und blondem Glanzhaar die perfekte Kunstfigur der modernen TV-Starszene, sprang klatschend auf. Hohn und Verachtung schlugen um in Bewunderung und Freude. Boyle trällerte das Publikum an die Wand. Es war die perfekte TV-Sternstunde.

„Dies war für mich die größte Überraschung in den drei Jahren dieser Show,“ fasste Juror Piers Morgan als Erster sein Urteil zusammen. „Als sie da auf der Bühne standen und grinsend sagten, sie wollten wie Elaine Page sein, wurden sie vom ganzen Saal ausgelacht. Nun lacht keiner mehr.“ Holden ergänzte: „Wir alle waren voller Zynismus. Aber es war ein Privileg, ihnen zuzuhören“.

Jeder kann in „Britain’s got Talent“ auftreten, wenn er das Zeug dazu hat, egal wie alt, jung, hübsch oder hässlich er ist. An schrulligen Figuren ist kein Mangel. Vor zwei Jahren zog ein 59-jähriger Sikh im Turban einen großen Lieferwagen nur mit dem Ohrläppchen auf die Bühne.

Die bisher größte Sensation der Show war der Tenor Paul Potts. Vor zwei Jahren stellte er sich mit den Worten, „Ich will Opernsänger werden“, vor und wurde genauso abschätzig beäugt wie diesmal Susan Boyle. Dann sang er „Nessun Dorma“. Er gewann, es war wie ein Märchen, durfte vor der Queen singen und ließ sich mit der Siegerprämie von 100 000 Pfund seine krummen Zähne richten. Zurzeit ist der ehemalige Mobiltelefonkäufer in Neuseeland auf Tournee. Sein Album „One Chance“ wurde ein internationaler Hit und verkaufte sich allein in Deutschland eine Million mal.

Andrew Lloyd Webber ließ den Star für seine Musical-Version „Sound of Music“ vor drei Jahren in einer Talentshow suchen – ab Juli wird die Siegerin, Connie Fisher, wieder als „Maria von Trapp“ auf der Londoner Bühne stehen. Pop Stars wie Will Young oder Leona Lewis begannen ihre Karrieren in TV-Talentshows. Aber Dutzende sind wieder in der Vergessenheit verschwunden.

Susan Boyle will auf jeden Fall auf dem Boden bleiben. Zwölf Jahre lang nahm sie Gesangsunterricht. Sie besuchte Theaterkurse. Aber um ihre hochbetagte Mutter zu pflegen, stellte sie ihren Ehrgeiz zurück. „Ich bin sehr geduldig“, sagt sie. „Man muss akzeptieren, was das Leben bringt und warten, bis eine neue Chance kommt“.

0 Kommentare

Neuester Kommentar