U-Bahn-Schläger vor Gericht : "Sie schreiben solche Scheiße auf!"

"Er will weiterkommen" und im Gefängnis seinen Hauptschulabschluss machen, gelobt der angeklagte U-Bahn-Schläger Spyridon L. vor Gericht - doch dann, nach den vielen Fragen des Staatsanwalts, bricht die Wut wieder aus ihm heraus.

Sabine Dobel,Angelika Klingenfuß[dpa]

MünchenAusführlich gibt der junge Angeklagte Auskunft - aber irgendwann verliert er doch die Haltung. "Was wollen Sie noch hören?", ruft er. "Ich habe doch alles schon gesagt." Und konfrontiert mit seinen früheren, für ihn unvorteilhaften Aussagen, fährt er den Gutachter an: "Sie schreiben solche Scheiße auf!" Zusammen mit dem zur Tatzeit 20 Jahre alte Türken Serkan A. muss sich der damals 17-jährige Grieche Spyridon L. vor der Jugendkammer des Landgerichts München I. wegen versuchten Mordes verantworten. Die jungen Männer hatten kurz vor Weihnachten einen pensionierten Schulleiter mit Tritten und Schlägen lebensgefährlich verletzt, nachdem er sie auf das Rauchverbot in der U-Bahn hingewiesen hatte.

Am selben Abend hatten die beiden bereits einen Studenten massiv bedroht. Er sei vor den beiden geflohen, berichtete der 21-Jährige am Mittwoch als Zeuge. Serkan A. habe einem Gesprächspartner am Telefon gesagt, dieser könne nun mit anhören, wie er gerade "einen Deutschen abmurkst". Der 21-jährige Student rannte daraufhin in einen Hinterhof und klingelte in Panik überall, bis eine Anwohnerin ihn einließ. "Ein junger Mann kam hochgerannt außer Atem, er war sehr aufgeregt", berichtete die 20-Jährige vor Gericht.

Das Handy des Studenten, das Serkan A. nicht mehr hergegeben hatte, brachte die Polizei zusammen mit Aufzeichnungen einer Überwachungskamera auf die Spur der beiden Angeklagten. Das Video zeigt die 13 Sekunden, in denen die beiden den Pensionär niedertreten und schlagen, und auch die Minuten danach, bis ein Passant dem Verletzten hilft. Er habe erst geglaubt, der Mann, der sich hilflos hin- und herdrehte, sei betrunken, sagte der Helfer vor Gericht. Er habe ihn angesprochen, ob er Hilfe brauche, was dieser bejahte.

Der Angeklagte will heiraten

Im Gerichtssaal verfolgt Serkans Freundin die Verhandlung, die beiden haben eine acht Monate alte Tochter. Die 21-Jährige, in weißer Hose und schwarzem, kurzärmligen Hemd, lächelt dem Angeklagten zu, nickt - er lächelt ganz leicht zurück. Fast gelöst wirkt der inzwischen 21-Jährige im Vergleich zu den Vortagen. Die Frau hatte als Zeugin die Aussage verweigert. Beide seien verlobt und wollten heiraten.

Beide Angeklagte haben keine Ausbildung. "Ich wollte nicht mehr in die Schule gehen, ich war so oft rausgeflogen. Ich hatte keinen Bock mehr", berichtete Spyridon L.. Der Vorsitzende Richter Reinhold Baier will es genauer wissen: "Was haben Sie denn damals gedacht, wie es weitergeben soll? Keinen Schulabschluss, überall rausgeflogen, keinen Job, kiffen, trinken?" Und mit Blick auf die diversen Rauschmittel: "Haben Sie sich denn mal überlegt, aufzuhören?" Der mittlerweile 18-Jährige hebt die Hände: "Mir war so langweilig, ich wusste nicht, was ich mache den ganzen Tag." Jetzt im Gefängnis wolle er den Hauptschulabschluss nachholen und eine Ausbildung machen, als Maurer oder Automechaniker machen. "Ich will weiterkommen."

Doch dann bringen ihn die Fragen des jugendpsychiatrischen Gutachters Franz Joseph Freisleder in Rage. Freisleder will unter anderem wissen, ob nicht nur der Vater ihn, sondern auch er den Vater geschlagen habe, wie es einmal berichtet wurde. "Es hat für sich gesprochen, wie er reagiert hat", sagt Staatsanwalt Laurent Lafleur am Rande der Verhandlung.

Obwohl ein Befangenheitsantrag der Verteidigung gegen den Gutachter Freisleder die Verhandlung am Mittwoch verzögert hatte, wurde damit gerechnet, dass bereits am Freitag die Plädoyers gehalten werden.

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