Welt : U-Boot "Kursk": Glasnost kam nicht bis Murmansk (Leitartikel)

Christoph von Marschall

Hoffnung gab es wohl schon lange nicht mehr, auch wenn Moskau sie eine Woche lang wachzuhalten versuchte. Ein Großteil der 118 Besatzungsmitglieder der "Kursk" ist vermutlich bereits bei der Explosion am Sonnabend vor neun Tagen getötet worden. Und die Überlebenden, hatten sie überhaupt eine Chance? Mussten sie die menschliche Urangst, lebendig begraben zu sein, bewusst durchleiden, bis ihnen die Luft zum Atmen ausging? Wenn es den westlichen Helfern gelingt, an das Wrack anzudocken und die beschädigten Luken zu öffnen, dann werden wir es, vielleicht, erfahren. Was sie sonst im Inneren vorfinden, in welchem Zustand die Reaktoren sind, ob eine atomare Verseuchung droht - Fragen, die einen schaudern lassen. Schaudern auch vor den möglichen Antworten.

Doch da ist die "Kursk" nur ein Sinnbild für die Fragen an Russland: Wie sieht es tatsächlich aus hinter dem stählernen Mantel des Putinschen Propagandabilds von der Großmacht, die gerade zu alter Größe zurückfindet? Ist das nur eine Potemkinsche Fassade, verwegener noch als das Trugbild von der Wirtschaftskraft DDR, die als zehntstärkstes Industrieland galt, bis die Einheit die Wahrheit ans Licht brachte? Und was verbirgt sich hinter der verwirrenden Informationspolitik? Erst wurde das Unglück zwei Tage lang verschwiegen, dann fälschlich auf den Sonntag datiert, noch bis Mittwoch wurde über Klopfzeichen berichtet, die es, so der jüngste Stand, bereits seit Montag nicht mehr gab; und schließlich gab Moskau jede Hoffnung auf Rettung just in dem Augenblick öffentlich auf, da ausländische Rettungsmannschaften eintrafen, deren Hilfsangebote Moskau tagelang nicht angenommen hatte.

Erst langsam ordnen sich die Bilder aus einer bisher weitgehend unbekannten Welt, die sich dem ahnungslosen Beobachter Tag für Tag ein Stück weiter geöffnet hat: mit Details über das Leben der U-Boot-Männer, über die Gefahren unter Wasser und die ausgeklügelte Technik - ein kollektiver Crash-Kurs zu Druckkammern, Ausgleichsventilen, Reaktormanagement und Rettungssystemen. Doch nach einer Woche weicht das Staunen über die technischen Möglichkeiten in hundert Meter Tiefe immer mehr dem Entsetzen über die überraschende Schwäche Russlands - die militärische, aber auch die menschliche. Bald werde Moskau wieder auf allen Weltmeeren Präsenz zeigen, hatte Putin der demoralisierten Marine versprochen. Und nun stellt sich heraus, dass Russland nicht einmal mehr Tieftaucher ausbildet, dass die "Kursk" aus Geldmangel ohne die Akkumulatoren hinausfuhr, die der Besatzung von U-Booten bei einem Ausfall des Reaktors das Überleben unter Wasser ermöglichen sollen - und dass die Mittel schon längst nicht mehr für Übungen ausreichen, die die Risiken bei solchen Havarien mindern. Mehrere Jahrzehnte lang fürchtete der Westen die militärische Stärke der Sowjetunion. Heute muss er Moskaus Schwäche fürchten. Gibt es überhaupt noch eine verlässliche Kontrolle des nach wie vor beträchtlichen Zerstörungsarsenals? Und: Wer kontrolliert es eigentlich? Ein Schreckensbild.

Das politische Management dieser Katastrophe lässt Schlimmes befürchten. Auf den ersten Blick mögen die Vertuschungsversuche und Propagandalügen an alte Sowjetmanier erinnern. Wahrscheinlicher aber ist, dass sie nicht das Produkt einer ausgefeilten Täuschungsstrategie sind, sondern das Ergebnis von Chaos, unklaren Befehlsstrukturen und mangelnder Bereitschaft, Entscheidungen zu treffen, Fehler einzugestehen und die Verantwortung dafür zu übernehmen. Glasnost kam nicht bis Murmansk.

Da zeigen sich die schlechten Gewohnheiten des alten Russland. Auch das neue Russland erhebt seine Stimme: Unabhängige Medien stellen bohrende Fragen nach den Pannen, den Fehlinformationen, der Abwesenheit des Präsidenten, der seinen Urlaub nicht unterbrach. Sie berichten über Verzweiflung und Wut der Marine-Angehörigen.

Wo aber steht Wladimir Putin in diesem Ringen zwischen dem alten und dem neuen Russland? Auch da gibt es keine beruhigende Antwort. Bisher hat er im Zweifel stets auf die Machtbastionen des alten Russland gesetzt: auf die Streitkräfte, auf die Zentralorgane gegen die Regionen, auf Einschüchterung unabhängiger Medien. Die Männer der "Kursk" sind auch ein Opfer des verletzten Großmachtstolzes. Russland weigert sich, einzugestehen, wie sehr sein Anspruch und seine Fähigkeiten inzwischen auseinanderklaffen. Das ist gefährlich für Russland. Aber auch für uns.

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