Udo Jürgens : Geld für Frieden

Der Großvater von Udo Jürgens ging am russischen Zarenhof ein und aus. Er soll Geheimdiplomat der deutschen Regierung im Ersten Weltkrieg und Unterstützer der Bolschewiki gewesen sein. Der Schlagersänger hat ein Buch über seine Spurensuche geschrieben.

Der Großvater des Sängers Udo Jürgens, Heinrich Bockelmann, soll als Geheimdiplomat der deutschen Regierung während des Ersten Weltkrieges den Bolschewiki geholfen haben, um Russland zu destabilisieren. In einem Interview mit „spiegel online“ sprach Udo Jürgens über seinen Großvater. „Er war damals Großbankier und in der Tat ein reicher Mann. Er leitete eine der größten Banken Russlands, die Junker-Bank in Moskau. Das Gebäude der Bank wurde unter seiner Anleitung errichtet und steht heute noch: ein wunderschöner Bau, ich habe es selbst gesehen. Heinrich Bockelmann war in einer sehr mächtigen Position und in der Moskauer Gesellschaft geachtet. Er ging am Zarenhof ein und aus, die Romanows und Rasputin hatten ihr Geld bei ihm angelegt. Er arbeitete eng mit der Rothschild-Bank und anderen Bankhäusern zusammen. Er war das, was man einen Grandseigneur nennt.“

Udo Jürgens hatte für sein Buch „Der Mann mit dem Fagott“ in Moskauer Archiven recherchiert, um etwas über die Tätigkeit seines Großvaters zu erfahren. Über dessen Motive sagte Jürgens gegenüber „spiegel-online“: „Heinrich Bockelmann hatte enge Kontakte zum deutschen Kaiser und zum Reichskanzler. Aus dieser Zeit sind Briefe erhalten. Die Herren diskutierten darüber, was man tun könne, um den Zaren zu schwächen. Eine Idee war es, die Bolschewiken zu unterstützen, denn die propagierten einen raschen Friedensschluss mit Deutschland. ... Man unterstützte diese Leute ja, um den Krieg zu beenden. Diese Idee hatte nicht nur mein Großvater. So haben viele deutsche Kaufleute, die in Russland Geschäfte machten, gedacht. Sie sahen keine andere Möglichkeit, um diesen Krieg zu beenden. Lenin hatte ja in allen seinen Schriften, die er im Exil in Zürich verfasste, immer betont: Das Erste, was in Russland geschehen muss, ist ein Ende des Krieges gegen Deutschland. Diese Haltung Lenins war bekannt. Die Deutschen sagten sich also: Wenn wir es schaffen, den Lenin jetzt irgendwie nach Russland einzuschleusen, und er das Regime schwächt, hat der Zar so viele Sorgen am Hals, dass er nicht mehr kämpfen kann. Dann wird der Krieg beendet. Das war die ursprüngliche Idee.“

Kaum jemand hatte damals vermutet, dass die Bolschewiki sich lange an der Macht halten würden. Die Fähigkeiten Lenins und vor allem Leo Trotzkis, einen Staat und die Rote Armee aufzubauen, wurden unterschätzt. Udo Jürgens sagte dazu über seinen Großvater: „Wenn er gewusst hätte, dass daraus eine Weltrevolution wird, die über 70 Jahre lang die Welt in Atem hält, hätte er das sicher nie gemacht. Er dachte: Wir destabilisieren das Zarenreich ein wenig, aber nur mit der Absicht, den Krieg gegen Deutschland zu beenden. Und das taten die Bolschewiki dann ja auch.“ Aus den Briefen Heinrich Bockelmanns gehe eindeutig hervor: „Er träumte davon, dass dieser unselige Krieg zwischen Russland und Deutschland, der auf beiden Seiten entsetzliche Opfer forderte – übrigens auch in unserer Familie – endlich beendet wird. Er tat, was er konnte, um diesen Alptraum zu beenden, denn er befürchtete einen Niedergang Deutschlands.“ Tsp

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