Welt : Über alle Grenzen

Von Passau bis Dresden arbeiten die Helfer unermüdlich gegen die Fluten – und werden andauernd gestört

NAME

Von Werner Schötz, Passau,

und ralf Hübner, Dresden

Zuerst traf es die Restaurants an der Passauer Uferpromenade. Dann liefen die Gassen der Altstadt mit Wasser voll, und schließlich meldete das Rathaus der niederbayerischen Drei-Flüsse-Stadt: „Land unter".

1,5 Meter steht das Wasser auf dem Rathausplatz, wo sich sonst Touristen tummeln. „Wahnsinn“, murmelt ein Kellner eines benachbarten indischen Lokals, dessen selbstgebaute Barrikaden aus Holz und Sandsäcken nicht halten. Am Mittag dann der erste Hoffnungsschimmer seit Tagen. Der Pegelstand der Donau, die in Passau die Wassermassen von Ilz und Inn aufnimmt, verharrt bei 10,81 Metern. Es ist das schlimmste Hochwasser seit 48 Jahren in Passau.

„Wir haben alles Menschenmögliche getan, jetzt können wir nur noch zusehen, wie das Wasser weiter steigt“, sagt ein erschöpfter Feuerwehrmann – einer von rund 1000 Helfern, die seit der Auslösung des Katastrophenalarms am Montagmorgen praktisch dauernd im Einsatz sind.

Die Unwetter in Europa haben bisher 90 Todesopfer gefordert. An der Donau, der Elbe, der Moldau und vielen anderen Flüssen und Bächen stehen Jahrhundertfluten bevor. Betroffen sind neben Deutschland vor allem Österreich und Tschechien. In Wien drohen die Dämme zu brechen. In Deutschland hat es vor allem das Erzgebirge, den Raum um Passau und Dresden getroffen.

Angst vor den Fluten der Elbe

Hektik und Stress verbreiten in Passau zahlreiche Fernseh- und Rundfunk-Teams, die die Katastrophe live in alle bundesdeutschen Wohnzimmer übertragen. Da sah sich Oberbürgermeister Albert Zankl als umsichtiger Krisenmanager dann schon mal genötigt, allzu aufdringliche Ü-Wagen-Teams persönlich aufzufordern, doch den Römerplatz zu verlassen und die Arbeit der Helfer nicht weiter zu behindern. Den Helfern ebenfalls nicht gerade dienlich sind tausende Hochwasser-Touristen, die mit den ersten Wolkenlücken in Passau auftauchen. Für sie sind die Fluten in diesem Katastrophen-Sommer offenbar eine willkommene Attraktion in einem ansonsten eher trostlosen Urlaub.

Fassungsloses Staunen am Dresdner Hauptbahnhof. Die Leute stehen, schütteln den Kopf und fotografieren. Dort, wo an anderen Tagen für gewöhnlich Menschen hastig durch den Haupteingang eilen, ergießt seit Dienstagmorgen sich sprudelnd braunes Wasser auf den Bahnhofsvorplatz. So lange der Bahnhof steht, und das ist seit über einhundert Jahren der Fall, hat es das noch nicht gegeben. Die gesamten Gleisanlagen, die in den Bahnhof hineinführen, haben sich in ein reißendes Flussbett verwandelt. Rote Züge stehen halbhoch im Wasser, an manchen Stellen droht die Wasseroberfläche gar die Oberleitung zu berühren. Die Signale stehen auf rot. Aber hier fährt ohnehin kein Zug mehr. Der Grund für diese Überschwemmung ist in diesem Falle nicht die Elbe. Verursacher ist die Weißeritz, ein Bach mittlerer Größe, der im Osterzgebirge entspringt, und der früher einmal nahe dem jetzigen Dresdner Stadtzentrum in die Elbe mündete. Im vergangenen Jahrhundert entschlossen sich die Dresdner Stadtväter den Bach umzuleiten. In der Nacht zum Dienstag aber trat an der Talsperre Malter, etwa 20 Kilometer oberhalb von Dresden, das Wasser über die Dammkrone und musste abgelassen werden. Das brachte die Weißeritz zum Überlaufen, die sich nun ihr altes Bett in den Dresdner Straßen suchte und dabei die gesamte Friedrichstadt flutete. Aus dem großen Friedrichstädter Krankenhaus mussten 500 Patienten evakuiert werden. Die „Sächsische Zeitung“ wird heute kaum erscheinen können. Das Redaktionsgebäude ist ebenso von Wasser eingeschlossen wie das Landtagsgebäude, in dem keine Telefonleitung mehr funktioniert und das zugemauert wurde. Trotz des erwarteten Endes der Regenfälle sind die Überschwemmungen noch nicht ausgestanden. Jörg Kachelmann warnte am Dienstag: Das Hochwasser der Elbe werde sich in den kommenden Tagen massiv elbabwärts wälzen. Erst vor den Toren Hamburgs werde die Flut zu Ende sein.

0 Kommentare

Neuester Kommentar