Welt : Über allem thront der Bürgermeister

Der Milliardär Michael Bloomberg regiert seit einem Jahr New York – und wie

Matthias B. Krause[New York]

Von Matthias B. Krause,

New York

Seine erste Tat ließ nicht unbedingt Gutes ahnen. Als Michael R. Bloomberg vor knapp einem Jahr seine Antrittsrede vor dem New Yorker City Council hielt, präsentierte er etwas, was die „New York Times" am nächsten Tag „bürgermeisterliche Schleichwerbung" taufte. Business-Mann Bloomberg hatte dem Chef von American Express dafür gedankt, dass der seine Firmenzentrale, die bei den Anschlägen am 11. September zerstört worden war, wieder in Lower Manhattan aufbauen will. „Seitdem habe ich nur noch meine American-Express-Karte benutzt", sagte Bloomberg den Mitgliedern des Stadtparlaments, „und ich fordere Sie auf, dasselbe zu tun."

Die New Yorker sind einiges gewohnt von ihren Bürgermeistern. Da gab es jene mit engen Verbindungen zur Mafia oder zu den mächtigen Gewerkschaften. Oder in den 70ern Abraham D. Beame, der, nicht wissend, wie er die Angestellten in der nächsten Woche bezahlen sollte, bei einem Jerusalem-Besuch in die Klagemauer ein Zettelchen mit der schlichten Bitte „Help" steckte. Und natürlich Rudolph Giuliani, Bloombergs Vorgänger. Der charismatische Choleriker räumte in acht Jahren die Stadt auf wie keiner vor ihm. Mit eiserner Hand, an jeder Ecke Feinde witternd. Die New Yorker liebten und hassten ihn dafür. Nach dem Fall der Zwillingstürme schwenkten die Gefühle in Vergötterung um, weil Giuliani der geschockten Stadt Halt und Führung gab.

Die besten Ideen

Der politische Neuling Bloomberg wäre ohne die Unterstützung Giulianis nicht an der Macht. Und doch erinnert so gar nichts an dem Führungsstil des 60-jährigen Medienmoguls an seinen Vorgänger. Als Erstes ließ Bloomberg die City Hall umbauen. Nach dem Vorbild der Wall Street platzierte er seine Top-Angestellten alle in der großen, gewölbten Rathaushalle aus dem 19. Jahrhundert, getrennt nur durch dünne, halbhohe Wände. Über ihnen thront nun der Bürgermeister, der so genau beobachten kann, wer mit wem einen engen Draht hat – und welchen Besuch bekommt. Gleichwohl geht es ihm dabei weniger um die absolute Kontrolle als mehr um eine offene Kommunikation, einen Wettbewerb der besten Ideen, wie er sagt.

„Für ihn zählt nur, ob etwas eine gute Idee ist oder nicht", sagt Martha K. Hirts, eine Abteilungsleiterin, die schon unter drei anderen Bürgermeistern gedient hat. „Bloomberg reagiert nicht sofort mit einem typischen Politiker-Instinkt. Das bedeutet, man hat eine echte Chance, über Ideen zu sprechen." Streng an der Sache orientiert, ohne festgefahrene Ideologie und ohne Abhängigkeiten von politischen Interessengruppen, drückt der neue Bürgermeister Dinge durch, an denen sich seine Vorgänger die Zähne ausgebissen haben.

So eroberte die Stadt die Kontrolle über die Schulen zurück, schraubte die Grundsteuer auf den höchsten Stand seit 30 Jahren (18,5 Prozent) und schrumpfte vorsichtig Verwaltung und Gesundheitswesen.

Das alles ist dringend notwendig, weil New York sich in der größten Finanzkrise seit den 70er Jahren befindet. Im aktuellen Etat fehlt rund eine Milliarde Dollar, im kommenden Jahr sind weitere fünf Milliarden bislang ungedeckt.

Der Niedergang nach den Terroranschlägen, die stockende Wirtschaft und die stotternde Börse machen der Stadt schwer zu schaffen. Gleichzeitig stieg die Zahl der Obdachlosen auf offiziell über 35000, so viele wie seit acht Jahren nicht mehr. Bloombergs Gestaltungsspielraum beschränkt sich weitgehend auf akutes Krisenmanagement. Gleichwohl legte er Anfang Dezember eine stadtplanerische Vision für Lower Manhattan vor, die eine Dekade nach vorne blickt – und in den Medien allgemein Lob auslöste.

Wer nun glaubt, so viel Pragmatismus käme bei den New Yorkern gut an, irrt. Zumindest sagen das die Meinungsumfragen, wonach Bloombergs Popularität seit seinem Amtsantritt stetig gesunken ist. Den Betroffenen kratzt das wenig, statt auf die Auguren vertraut er lieber auf seinen Instinkt. „Und bislang hat mich noch niemand auf dem Weg zur Arbeit beschimpft", sagt Bloomberg, der täglich die Subway benutzt.

Einen persönlichen Feldzug leistet sich allerdings auch Bloomberg: einen gegen die Raucher. Bereits schwer durch kräftige Steuererhöhungen gebeutelt, will der militante Nichtraucher sie nun auch aus den Bars vertreiben.

Wer Kritik an seinem Stil äußert, dem entgegnet der Business-Bürgermeister mit einem Hinweis auf das milliardenschwere Medienimperium, das er aufgebaut hat. „Es ist dann einfach sehr schwer zu behaupten, ich hätte von Management keine Ahnung", sagt Bloomberg genüsslich.

Hartnäckig

Und ebenso hartnäckig verweigert er sich Beratern, die ihm nahe legen, seine Erfolge besser zu vermarkten: „Das ist einfach nicht meine Art. Ich denke, am Ende zählen nur die Fakten."

So kommt es, dass an Thanksgiving Giuliani über alle Bildschirme flimmert, wie er Truthahn an Bedürftige verteilt, während Bloomberg nur im Stillen Gutes tut. Einen Teil seines auf 4,8 Milliarden Dollar geschätzten Vermögens bringt er mehr oder weniger anonym unter die Leute.

Bisweilen setzt der mit Abstand reichste Politiker der USA sein Geld auch dazu ein, Geschäfte zu regeln. So ließ er im Vorfeld der geplanten Grundsteuererhöhung kurzerhand die Finanzexperten mit seinem Privatjet zu seinem Domizil auf den Bahamas einfliegen. Dort tüftelten die Herren dann bei einer Partie Golf die Details für den Plan aus, der das Stadt-Budget um Millionen Dollar entlastet.

Manchmal langt er mit seiner seiner hemdsärmeligen Art allerdings daneben. Als vor wenigen Wochen die Bus- und Subway-Angestellten mit Streik drohten, präsentierte Bloomberg eine Woche lang umfangreiche Notfallpläne und kaufte sich kurz vor dem Stichtag demonstrativ ein Fahrrad.

Dumm nur, dass das schicke schwarze Mountainbike mit Zubehör 636 Dollar kostete. Weit mehr, als der normale New Yorker für ein Fahrrad ausgeben könne, wie die Medien prompt maulten. Bloomberg löste auch dieses Problem auf seine Art: Weihnachten erfüllte er einem 13-jährigen Jungen aus einer armen Familie in Brooklyn mit dem Rad dessen größten Wunsch.

Zum Thema wurden – auch im Wahlkampf – seine Frauen. Seine Schwäche für schöne Frauen ist bekannt, führte in der Vergangenheit aber auch zu drei Klagen wegen sexueller Nötigung. Seine Frau Susan, mit der er zwei Töchter hat, ließ sich 1993 von ihm scheiden.

Zum Lunch gibt sich der Liebhaber guten Essens eher volkstümlich. Alle können ihm dabei zusehen, wie er genüsslich Hot Dogs verdrückt.

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