Welt : Über die Grenzen des Fassbaren

Der Kannibalismus-Mord in Rotenburg macht selbst hartgesottene Ermittler sprachlos – sie fürchten Nachahmer

Frank Jansen

Der Mann ist lange im Dienst und hat auch härtere Fälle bearbeitet. „Wissen Sie, Leichen auf Bahngleisen und so“, sagt Kriminaloberkommissar Manfred Knoch, 44 Jahre alt, Sprecher der Polizeidirektion Hersfeld-Rotenburg. Doch vor wenigen Tagen gab es in der Routine einen Bruch. Knoch schaute sich einen knapp zehn Minuten langen Videoausschnitt an. Es handelte sich um Szenen des Films, den Armin M. im Frühjahr 2001 gedreht hat, in seinem Haus in Rotenburg. In dem Video ist zu sehen, wie M. den Berliner Bernd Jürgen B. tötet und teilweise isst. Wie ist so ein Film zu verkraften? Geht das überhaupt? Knoch zögert. „Der Fall ist jetzt bei der Staatsanwaltschaft. Ich darf nicht mal sagen, wie ich mich fühle.“ Schweigen. „Es ging mir nicht so gut. Es hat gereicht.“ Stille. „Schlecht geworden ist mir nicht. Aber man muss erstmal eine Pause machen. Mit den Kollegen reden.“ Hat er mit seiner Familie über das Video gesprochen? Die Antwort kommt wie ein Knall. „Um Gottes Willen!“

Der Kannibalenmord im osthessischen Rotenburg bringt die Ermittler an den Rand ihrer Belastbarkeit. Knoch wehrt weitere Fragen zu seinem Zustand ab. Er will in den geschäftigen Sprechertonfall zurück, um wieder ein wenig Distanz zum Schrecken aufzubauen. „Wir müssen abklären, ob es weitere Opfer gibt. Heute morgen waren auch Leichenspürhunde eingesetzt. Aber sie haben nichts gefunden. Weitere Angaben zu Details kann ich nicht machen.“ Nur so viel noch: Es gebe keine Anhaltspunkte für einen Verdacht, Armin M. habe den Film als Snuff-Video vertrieben, als einen dieser Streifen mit echten Mordszenen, und so Kannibalismus mit Kommerz kombiniert.

Armin M. sitzt in Kassel in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft hält ihm „Mord aus Mordlust“ vor. Mordlust - die Befriedigung offerierte das Internet. Armin M. lernte sein Opfer im World-Wide-Web kennen, über ein Kontaktforum für Homosexuelle mit kannibalistischen Neigungen. Dass es so etwas gibt, wissen die Sicherheitsbehörden längst, doch der Rotenburger Exzess macht selbst die Experten des Bundeskriminalamts ratlos. „Die Verbindung von Kannibalismus und Internet ist erstmalig“, sagt BKA-Sprecher Dirk Büchner. Auch Snuff-Videos, Filme mit echten Mordszenen, seien in der Bundesrepublik noch nicht bekannt geworden. „Alles, was wir bisher haben, sind Fälschungen.“ Doch schon diese zeugen von einem kaum vorstellbaren Zynismus. Und von entsprechender Nachfrage.

Nach kurzer Recherche über eine Suchmaschine erscheint die Homepage eines Kaliforniers. Der Mann „analysiert“ einen Videoclip, der auch gezeigt wird. Eine junge Frau wimmert, von rechts hält ihr eine Hand einen Revolver an den Kopf. Ein Schuss knallt, Blut spritzt in Fontänen. Der Kalifornier untersucht dann Details, als handele es sich um einen Blechschaden. BKA-Mann Büchner schaut sich das Video an. „Das ist makaber und ekelhaft.“ Die Homepage sei schon bekannt, die gezeigte Hinrichtungsszene gelte als Fälschung. Die Frage, ob nicht wegen Gewaltverherrlichung zu ermitteln wäre, kann Büchner nur ausweichend beantworten: „Mir ist kein Verfahren bekannt.“ Doch allein die Tatsache, „dass so was verbreitet und angeguckt wird, finde ich unverständlich, um mich mal vorsichtig auszudrücken“.

Mit Sorge beobachtet das Bundeskriminalamt, wie sich im Internet Brutalität ausbreitet. „Bei der Kinderpornographie werden die missbrauchten Opfer immer jünger“, sagt Büchner. „Da gibt es auch Kinder, die sind nicht mal ein Jahr alt.“ Im vergangenen Jahr registrierte das BKA insgesamt 1086 „Verdachtsfälle strafbarer Handlungen im Internet“. Büchner zählt auf: 903 Delikte aus dem Bereich Kinderpornographie, der Rest war im wesentlichen rechts- und linksextremistische Propaganda.

Demnächst auch Kannibalismus? Das BKA weiß um die Folgen einer „Fanaltat“. Büchner: „Es ist zu befürchten, dass nach dem Fall Rotenburg im Internet vermehrt Kannibalismus propagiert wird. Da kann man nur hoffen, dass die Tat niemand nachahmt.“

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