Welt : Über die Maßen

Alex Krämer

Die Königin der Kinderzimmer ist blond, gertenschlank und hat einen großen Busen: Barbie. Seit 1959 ist die amerikanische Plastikschönheit der Firma Mattel auf dem Markt, und sie hat einen beispiellosen Siegeszug hinter sich. Millionen Barbies wurden verkauft, Stardesigner wie Christian Dior oder Calvin Klein haben Kostüme und Abendkleider für sie entworfen. Und der Zauber ist ungebrochen. Alle zwei Sekunden, so heißt es, geht irgendwo in der Welt eine der Puppen über den Ladentisch.

Jetzt aber bekommt Barbie Konkurrenz, und zwar ziemlich kräftige. In dieser Woche präsentierte der amerikanische Puppenhersteller Tonner Doll Company auf der Spielwarenmesse in New York Emme. Auch Emme ist durchaus hübsch anzusehen und elegant gekleidet. Sie kommt in einem schwarzen Cocktailkleid und auf Plateausandalen daher, in der Hand ein durchsichtiges Tuch. Aber sie hat nicht die Idealmaße der dürren Top-Models, die sich die Schöpfer von Barbie zum Vorbild genommen haben. Auf Emmes Hüften hat sich ein wenig Speck abgelagert, die Wangen sind voll, die Waden kräftig, der ganze Körperbau deutlich kompakter als bei der Konkurrentin. Das alles tut ihrer Schönheit aber keinen Abbruch. Modell gestanden für die füllige Puppe hat Melissa Miller, besser bekannt als Emme. Sie ist 1 Meter 80 groß, wiegt dabei 86 Kilo und gilt als der Star unter den so genannten Plus-Size-Models in Amerika. Die 38-Jährige kann sich vor Fotoaufträgen kaum retten, hat eine eigene Modekollektion und steht ihren Fans mit Tipps zur Seite. "True Beauty", wahre Schönheit, so lautet der Titel ihres Buches. Darin finden sich Ratschläge wie dieser: "Akzeptieren Sie ihre Kleidergröße! Wir bekommen ein Image von superdünnen, superfitten Supermodels verkauft, aber das sind wir nicht." Das gleiche predigt sie auch auf ihren Vorträgen, zu denen vom Schlankheitswahn geplagte Amerikanerinnen scharenweise pilgern.

Ein solch kämpferisches Image soll die Puppe Emme aber nicht verpasst bekommen. Er habe das Fotomodell allein deshalb als Vorbild ausgewählt, weil er dachte, diese Frau würde eine tolle Puppe abgeben, sagt der Designer Robert Tonner.

Sollte Emme neben Barbie bestehen können, wäre das eine kleine Revolution in den Kinderzimmern. Denn Barbie, ihr Dauerverlobter Ken und die übrige Sippschaft haben sich im Laufe der Zeit zwar durchaus gewandelt: 1969 gab es die erste schwarze Puppe, seit den achtziger Jahren ist Barbie auch einmal Ärztin oder Ingenieurin von Beruf und nicht immer nur Krankenschwester. Eine behinderte Freundin im Rollstuhl ist seit 1997 erhältlich. An einem aber wurde bei Mattel eisern festgehalten: Barbies haben Maße wie Claudia Schiffer, Cindy Crawford und Co.

Für dieses stereotype Frauenbild wurden die Puppen oft verdammt. Manche sagen ihnen gar eine Mitschuld an der Magersucht vieler Mädchen nach. Bei Eltern stoßen die heiß ersehnten Spielzeuge oft auf Skepsis. Mädchen, die sich eine Barbie wünschen, bekommen dann etwas in dieser Art zu hören: "Es sind nicht alle Frauen groß, dünn wie eine Bohnenstange, haben einen Riesenbusen und kein Gramm Fett auf den Hüften. Sowas kommt mir nicht ins Haus, basta." Was soll man schließlich auch von einer Puppe halten, die ohne Pumps einfach nach hinten umkippt, weil ihre Füße so geformt sind, dass sie nur in Stöckelschuhen stehen kann?

Der Nachwuchs aber drängelt in der Regel weiter. Geplagte Eltern könnten deshalb in Barbies neuer Konkurrenz einen Ausweg sehen. Schließlich kann man auch Emme immer wieder neue Kleider anziehen. Aber ob sich die potenziellen Barbie-Besitzerinnen und Besitzer mit der moppeligen Kopie abspeisen lassen werden? Die ungetrübte Perfektion der Barbie-Kunstwelt macht schließlich ihren Reiz aus. Da könnte es sein, dass der Einbruch der Realität nur stört, selbst wenn er lediglich in ein paar zusätzlichen Pfunden auf den Hüften besteht.

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