Überlebende in Kobe leiden an Vereinsamung : 20 Jahre nach Erdbeben in Japan

Vor 20 Jahren verwüstete ein starkes Erdbeben die japanische Hafenstadt Kobe. Äußerlich ist der Region nichts mehr anzusehen. Doch viele der alten Überlebenden leiden an Vereinsamung. Ein Schicksal, das auch den Opfern der Tsunami-Katastrophe in Fukushima droht.

Ein eingestürztes Bürogebäude in Kobe. In der japanischen Hafenstadt und anderen Orten der Region brach am 17. Januar 1995 das schwerste Erdbeben seit der Zerstörung Tokios 1923 aus.
Ein eingestürztes Bürogebäude in Kobe. In der japanischen Hafenstadt und anderen Orten der Region brach am 17. Januar 1995 das...dpa

Hisashi Sakagami versiegelt einen Briefkasten mit Klebeband. In seinem achtstöckigen Wohnhaus ist schon wieder ein Bewohner gestorben. „Alle, die noch übrig geblieben sind, sind inzwischen alt“, sagt der 79 Jahre alte Japaner der Zeitung „Kobe Shimbun“. Sakagami gehört zu den Überlebenden der Erdbebenkatastrophe vom 17. Januar 1995: Damals verwüstete ein Erdstoß der Stärke 7,2 den Raum der Hafenstadt Kobe und riss mehr als 6400 Menschen in den Tod. Heute, 20 Jahre danach, lebt Sakagami als Verwalter Tür an Tür mit anderen Überlebenden in einer vom Staat bereitgestellten Wohnung. Heimisch sind sie in dem anonymen Hochhaus nie geworden, viele der inzwischen vergreisten Menschen leiden an Einsamkeit. Mancher stirbt einen einsamen Tod.

Die Spuren des Bebens sind noch zu sehen

Der Regierung war damals vorgeworfen worden, viel zu langsam und unzureichend gehandelt zu haben. Kommunikationsprobleme der Behörden führten dazu, dass unter anderem das Militär erst sehr spät am Unglücksort eintraf. Enorme Probleme bereitete auch die Koordinierung der Hilfsbemühungen. Heute ist Kobe die Katastrophe äußerlich nicht mehr anzusehen. Die 1,5 Millionen Einwohner zählende Metropole gleicht jeder anderen Großstadt in Japan. Hinter den modernen, wiederaufgebauten Fassaden aber sind die Spuren noch zu erkennen. Ernste Probleme bereitet nämlich weiterhin die Betreuung alter Menschen, die am härtesten von der Katastrophe betroffen sind. Sie waren zunächst in Notunterkünften untergebracht worden. Um den Menschen so schnell wie möglich Wohnungen bereitzustellen, mietete die Stadt auf 20 Jahre befristet private Wohnräume an und verteilte sie teils per Los an die Überlebenden. Hisashi Sakagami gehörte damals zu den Jüngeren, als er an eine dieser Wohnungen kam. Jeden Tag saß er damals auf einem Sofa im Treppenhaus und versuchte, sich die Gesichter der Leute zu merken.

Viele Überlebende begingen Selbstmord

Laut der Lokalzeitung „Kobe Shimbun“ wurden damals 25 000 Wohnungen vom Staat bereitgestellt, wobei Alte und Behinderte bevorzugt wurden. Doch die Menschen waren sich fremd, wurden aus verschiedenen Stadtteilen zusammengewürfelt, entrissen aus ihren alten Gemeinschaften. Gerade in Japans traditionell gruppenorientierter Gesellschaft leiden besonders Alte stark unter dem Verlust ihrer sozialen Bindungen. Mancher flüchtete sich vor Einsamkeit in Alkohol, andere begingen Selbstmord oder starben, ohne dass es teils monatelang jemand bemerkte.

„Kodokushi“ (Einsamer Tod) wurde damals zum ersten Mal als gesellschaftliches Problem wahrgenommen. Doch Experten befürchten, dass sich dies in der nordöstlichen Region Tohoku wiederholt, die am 11. März 2011 von einem noch viel verheerendem Erdbeben und einem Tsunami verwüstet wurde und wo es im Atomkraftwerk Fukushima zum Super-Gau kam. Auch dort sind vor allem alte Menschen betroffen, die auch nach fast vier Jahren weiter zu Tausenden in Behelfsunterkünften leben müssen und mit ihren Häusern auch ihre alten sozialen Bindungen verloren. „Was in Kobe passiert ist, wird auch in Tohoku in nicht ferner Zukunft passieren“, warnt Shuichi Maki, Leiter einer Hilfsorganisation. Er wird öfter nach Tohoku eingeladen, um seine Erfahrungen beim Beben in Kobe weiterzugeben.

Drei Provinzen in Tohoku waren 2011 von der Katastrophe betroffen, die etwa 18 500 Menschen das Leben kostete. Medienberichten zufolge sind dort mehr als ein Drittel der Bewohner von staatlich bereitgestellten Wohnungen älter als 65 Jahre.  Etwa 3000 Menschen sollen bereits an den gesundheitlichen Folgen des jahrelangen Lebens in den provisorischen Behelfsunterkünften gestorben sein - oder Selbstmord begangen haben. Gerade angesichts der Erfahrungen in Kobe vor 20 Jahren setzen sich Hilfskräfte in Tohoku daher dafür ein, alte Menschen, die alleine leben, zu besuchen und ihnen Kontakte zu vermitteln.

In Kobe läuft derweil in vielen Fällen die auf 20 Jahre festgesetzte Nutzungsfrist für private Wohnungen aus, die der Staat damals für die Überlebenden eilig angemietet hatte. Nun werden die inzwischen oft hochbetagten Bewohner aufgefordert, auszuziehen und abermals in andere öffentliche Wohnungen umzuziehen. Auch Sakagami und seine Mitbewohner müssen sich eine neue Bleibe suchen. Hilfsorganisationen befürchten bereits, dass sich dadurch die Vereinsamung der Menschen noch verschlimmern könnte und warnen vor weiteren Selbstmorden. (dpa)

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