Welt : Überschwemmung: Entspannung nach Flutkatastrophe in Italien

Werner Raith

So etwas haben die Mitglieder des Technischen Hilfswerks noch nicht erlebt: gewohnt, bei ihrem Eintreffen mit "Gottseidank, die Deutschen sind da", empfangen zu werden, wurden sie stattdessen von geradezu vor Selbstbewusstsein strotzenden Katastrophenhelfern der "Protezione civile" an die Ufer des Po geführt, an die Ränder der Dörfer und zu den Posten an den Straßen und Autobahnen - keinerlei Hektik, alles unter Kontrolle. "Wenn ihr wollt, beim Aufräumen brauchen wir noch Helfer", scherzt einer der Zivilschützer in Mantua.

In der Tat waren mit einer bei solchen Desastern noch nie gezeigten Umsicht genau zum richtigen Zeitpunkt die Überlaufbecken geöffnet, künstliche Ausgänge für den flutenden Fluss geschaffen worden. Das bedeutete zwar ein paar hundert Evakuierungen, schützte aber ganze Ortschaften vor einem größeren Desaster. Hält das sonnige, ruhige Wetter an, dürfte der "Normalisierung" kaum mehr etwas im Wege stehen.

Fast schon freudig erregt kurven seit dem Beginn der "guten" Nachrichten Politiker aller Couleur in den betroffenen Gebieten herum, als hätten sie höchstpersönlich und nicht der Wetterwechsel den vergleichsweise glimpflichen Ausgang der Tragödie bewirkt (24 Tote gegenüber 68 im Jahr 1994): Parlamentspräsident Luciano Violante schwebte als erster in das am meisten betroffene Aosta-Tal ein und fand "unsere Zivilschutzhelfer als echte Helden" vor. Staatspräsident Carlo Azeglio Ciampi traf in der nun wieder hochwasserfreien Fiat-Stadt Turin auf ein "durch unsere Leute vollbrachtes Wunder", und Regierungschef Giuliano Amato gab sein Versprechen, dass die Evakuierten innerhalb von drei Tagen wieder in ihren Häusern sein werden. Oppositionsführer Berlusconi, der auf ein Versagen des Krisenmanagements gelauert hatte, knurrte am Ende nur noch ein: "Aber Steuererhöhungen darf das alles nicht bedeuten" in die Mikrophone.

Tatsächlich ist bisher lediglich die Überschwemmungsgefahr in der Po-Ebene einigermaßen gebannt - in den Bergen sieht es völlig anders aus. Viele Straßen im Aosta-Tal sind noch verschlammt, andere sind so sehr unterspült, dass sie noch monatelang gesperrt bleiben müssen. Zwischen dem Cervino und dem Gran Paradiso sind an den Hängen Dutzende riesiger Geröllanhäufungen und getrocknete Schlammflächen erkennbar. Ein neuer Regen könnte genügen, enorme Muren zu Tal rauschen zu lassen. Eine monatelange Bedrohung, sollte es, wie normal zu dieser Jahreszeit, nun schneien und frieren. Dann würden sich zeitversetzt während der Schneeschmelze im Frühjahr, aber auch bei einem unvermittelten Wärme-Einbruch im Winter, ganze Hänge lösen und alles begraben, was sie auf ihrem Weg ins Tal treffen.

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