Überschwemmung : Keine Entwarnung in Istanbul

Am Freitag sollen nach Voraussagen neue Rekordmengen an Regen auf die Türkei und Istanbul niedergehen. Dann könnte es leicht wieder so schlimm werden, meinen die Anwohner. Die Stadtverwaltung will sich diesmal nicht vorwerfen lassen, keine Vorsichtsmaßnahmen getroffen zu haben.

Susanne Güsten
Türkei Istanbul
Istanbul. Dieser Parkplatz für Lastwagen wurde total zerstört. -Foto: dpa

IstanbulUnter dem grauem Himmel, der laut Voraussagen neue Rekordmengen an Regen bringen sollte, waren sich viele Istanbuler am Freitagnachmittag einig: Wenn es eine neue Flut gibt, könnte es irgendwo in der türkischen Metropole leicht wieder so schlimm kommen wie in den letzten Tagen. "Wir haben einfach keinerlei Infrastruktur", sagte ein Obsthändler in der Nähe des Bosporus. "Schauen Sie auf die Straße - wir haben keine richtige Kanalisation hier. Wenn das Wasser kommt, kommt es direkt in meinen Laden."

Insgesamt 32 Menschen sind in dieser Woche bei Überschwemmungen nach schweren Regenfällen in Istanbul und Umgebung ums Leben gekommen. Straßen wurden überflutet, Fabriken und Bürogebäude im Gewerbegebiet Ikitelli in der Nähe des Atatürk-Flughafens unter Wasser gesetzt. Das staatliche Wetteramt warnte vor einer neuen Regenfront, die am späten Nachmittag oder am Abend über der Stadt mit ihren fast 13 Millionen Einwohnern eintreffen sollte. In der Nacht wurde in Istanbul mit bis zu 60 Litern Regen pro Quadratmeter gerechnet. Bis zum Sonntag sollen die Niederschläge dauern.

Diesmal will sich die Stadtverwaltung unter Oberbürgermeister Kadir Topbas nicht vorwerfen lassen, Vorsichtsmaßnahmen unterlassen zu haben. Mehr als 6000 städtische Bedienstete und über 2000 Fahrzeuge standen bereit, wie das Krisenzentrum mitteilte. Boote zur Rettung von Flutopfern und Pumpen zur Entleerung vollgelaufener Keller wurden inspiziert und verladen. Es galt höchste Alarmstufe.

Selbst mit einer modernen Infrastruktur hätte es eine Stadt schwer, mit Wassermassen wie denen vom Mittwoch zurechtzukommen, als innerhalb einer Stunde die durchschnittliche Zweimonatsmenge an Regen fiel. Aber Istanbul hat keine gute Infrastruktur. Über Jahrzehnte wucherte die Riesenstadt weitgehend unkontrolliert - seit 1990 hat sich ihre Einwohnerzahl fast verdoppelt. Politiker und Behörden verzichten auch heute noch oft genug gegen Bestechungsgelder oder Wählerstimmen darauf, Illegales abzureißen oder Bauvorschriften durchzusetzen.

Deshalb wird es auch nach dem derzeitigen Herbstregen so weitergehen mit den Problemen bei Regen oder Schnee, erwarten Beobachter: "Wird die Katastrophe von Istanbuler der Verwaltung und Beamten eine Lehre sein?" fragte der angesehene Kolumnist Fikret Bila in der Zeitung "Milliyet", und er lieferte die Antwort gleich mit: "Das glaube ich auf keinen Fall."

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben