Welt : Überschwemmungen in Polen: Des einen Glück ist des anderen Leid

Claus-Dieter Steyer

So lange in Deutschland warmes Sommerwetter herrscht, besteht für die Hochwasserregion Südpolens nur wenig Hoffnung. Auf diese kurze Formel bringt der Präsident des Brandenburger Landesumweltamtes, Professor Matthias Freude, die Erklärung für die Katastrophe entlang der Weichsel. "Die Regenwolken werden durch das stabile Hoch von Deutschland ferngehalten und treiben in Richtung Osten", sagt Freude. "Im östlichen Karpatenbogen oder im Riesengebirge regnen sie sich ab und füllen die Flüsse und Bäche."

Solange das Hoch über Deutschland bleibt, wird es genau an den gleichen Stellen in Polen weiter regnen und die Fluten ansteigen lassen. Am meisten sei in diesem Sommer das Einzugsgebiet der Weichsel betroffen, während es beim letzten Jahrhunderthochwasser vor vier Jahren vor allem die Nebenarme der Oder waren.

Die Gebirge im Grenzgebiet zwischen Tschechien und Polen erweisen sich damit erneut als Wasserscheide. Meteorologen haben dort in den vergangenen Tagen immer neue Rekordmengen an Regen gemessen. An einem einzigen Tag gingen beispielsweise im Riesengebirge 119 Liter pro Quadratmeter nieder. Das sind 20 Prozent der gesamten Niederschlagsmenge im Brandenburger Landesdurchschnitt. "Irgendwo müssen diese Massen hin", erklärt der Chef des Landesumweltamtes. "Deshalb kommt es jetzt zu diesen dramatischen Ereignissen entlang der Weichsel." Allerdings gibt er sich für den deutsch-polnischen Oderabschnitt nach wie vor gelassen. Von einer Gefahr könne keine Rede sein. Die erwähnten 119 Liter an einem Tag seien zwar schier unvorstellbar, aber hielten keinen Vergleich mit den Massen beim Hochwasser 1997 stand. Damals gingen an zwei Tagen rund 400 Liter auf einem Quadratmeter nieder. Dieses Wasser schoss in dem fast baumlosen Riesen- und Isergebirge ungehindert in die Zuflüsse der Oder, die schon kurze Zeit später ihr angestammtes Bett verlassen mussten. "Ein ähnliches Szenarium spielt sich jetzt entlang der Weichsel ab. Wir haben diesmal Glück", meint Professor Freude.

Allerdings will kein Wetterfachmann Entwarnung geben. Nach deren Voraussagen soll die stabile Hochdruckwetterlage über Deutschland noch eine unbestimmte Zeit dauern. Die Regenwolken wandern also weiter in Richtung Riesengebirge und Karpaten. Anders als 1997 befinden sich sowohl auf deutscher als auch auf polnischer Seite die kritischsten Deichabschnitte entlang der Oder in einem guten Zustand. Von den 168 Kilometer langen deutschen Deichen sind bisher 70 Kilometer entweder völlig neugebaut oder zumindest rekonstruiert worden. In diesem Jahr kommen weitere 25 Kilometer dazu. Zehn Baustellen gibt es derzeit in Brandenburg, die jetzt mit Textilmatten besonders geschützt werden. Dazu gehört die Ziltendorfer Niederung bei Eisenhüttenstadt, wo sich im Juli 1997 das Wasser durch den durchbrochenen Deich ergoss. Im Unterschied zu Polen, wo damals 55 Todesopfer zu beklagen waren, gab es in Deutschland lediglich Sachschäden.

Die deutschen und polnischen Katastrophenstäbe sind mittlerweile durch eine feste Telefonleitung miteinander verbunden. Diesmal erhält das Brandenburger Landesumweltamt sofort Meldungen über veränderte Pegelstände. Rund eine Woche beträgt auf der Oder die Vorwarnzeit. So lange bewegt sich der Hochwasserscheitel von der Oberen Oder bis zum Zusammenfluss mit der Neiße bei Ratzdorf im südöstlichen Brandenburg. Beunruhigt verfolgen gerade die Anwohner dieses kleinen Grenzflusses eine Zunahme des Wasserstandes. "Die Neiße ist noch unberechenbarer als die Oder", sagt Ute Petzel, Bürgermeisterin von Ratzdorf. "Deren Hochwasser ist in 24 oder spätestens 48 Stunden bei uns." Ihr Dorf ist bislang vor einer Katastrophe kaum geschützt. Auf rund 1000 Meter Länge fehlt hier der Deich, weil Grundstückseigentümer ihr Land nicht für den Bau eines Schutzdammes zur Verfügung stellen wollen.

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