• Uganda ist schockiert über den mutmaßlichen Massenselbstmord, bei dem über 500 Menschen starben

Welt : Uganda ist schockiert über den mutmaßlichen Massenselbstmord, bei dem über 500 Menschen starben

Peter Baumgartner

In der kleinen ugandischen Ortschaft Kanungu arbeiten die Insassen eines lokalen Gefängnisses derzeit daran, ein Massengrab auszuheben. Darin sollen die mehreren hundert Menschen beerdigt werden, die sich am vergangenen Freitag im Rahmen einer Endzeit-Sekte selbst verbrannt hatten. Aufgrund von Polizeiberichten kann heute davon ausgegangen werden, dass es sich bei der schrecklichen Aktion der "Bewegung für die Wiedereinsetzung der Zehn Gebote Gottes" tatsächlich um einen kollektiven Selbstmord gehandelt hatte.

Eine Einschränkung der Selbstmordthese ist die Tatsache, dass sich unter den Opfern auch viele Kinder und Säuglinge befanden, die keine Freitod-Entscheidung getroffen haben können.

Die Polizei geht inzwischen davon aus, dass Anführer Kibweteere unter den Toten ist und sich nicht - wie zunächst vermutet - vor der Wahnsinnstat abgesetzt hat. Der ehemalige Oppositionspolitiker hatte die Sekte vor 13 Jahren gegründet, nachdem er Zeuge einer Unterredung zwischen der Jungfrau Maria und Jesus gewesen sein will. Das angebliche Gespräch zeichnete Kibweteere auf einem Tonband auf, das fortan die Grundlage für das Glaubensbekenntnis der Sekte war. Der Polizeichef des Landes erklärte, es gebe keinen Zweifel daran, dass es sich bei dem grausamen Akt tatsächlich um einen kollektiven Selbstmord handle.

Da sich unter den Verbrannten auch zahlreiche Kinder befänden, werde aber zumindest in diesen Fällen wegen Mordes ermittelt. Auch die neuerlichen Leichenfunde deuten aber daraufhin, dass nicht alle Sektenanhänger ihrem Anführer freiwillig gefolgt sind. Nach Angaben eines Polizeisprechers gibt es Anzeichen dafür, dass sie durch Gift starben.

Ungandische Zeitungen freilich zitieren Dörfler aus der Umgebung. Diese erzählen, Kibweteere sei unter seinen Anhängern herumgegangen, die in Erwartung des Himmelreiches ihre Kühe und Ziegen zu Schleuderpreisen verkauft hätten; Kibweteere habe das Geld eingesammelt mit der Begründung, er wolle es für eine Reise nach Europa benutzen, um dort eine Nachbildung der biblischen Arche Noah zu erwerben. Es ist naheliegend, dass in diesem aufgewühlten Klima Gerüchte blühen, so lange zumindest, bis Genaueres über den weiteren Verbleib Kibweteeres vorliegt. Augenzeugen berichten, dass sich die Angehörigen der obskuren Sekte mit stundenlangen Gottesdiensten, Feiern, Gesängen und Tänzen für den "Weg in den Himmel" vorbereitet und sich anschließend in die Kirche begeben hatten. Der Sektenführer Joseph Kobweteere scheint nach Aussagen von Verwandten der Toten seinen Anhängern versprochen zu haben, am 17. März werde ihnen die Jungfrau Maria in der Kirche erscheinen.

Kampf gegen Sekten angekündigt

Einige der Gläubigen verrammelten die Fenster und Türen, während sich in der Kirche die Frauen, Männer und Kinder mit Kerosin und Benzin übergossen. Das Feuer verbrannte die Menschen bis zur Unkenntlichkeit. Das macht genaue Angaben über die Zahl der Toten ebenso schwierig wie deren Identifikation.

Der Anführer der Sekte kündigte den Massenselbstmord seiner Anhänger offenbar sogar schriftlich an. Kibwetere habe am Vortag des Dramas seiner Frau einen Brief geschrieben und ihr befohlen, ihren Glauben zu bewahren, "weil die Mitglieder der Sekte morgen sterben werden", sagte sein Sohn Rugambwe der staatlichen Tageszeitung "New Vision". Laut "New Vision" ist der Sohn des Sektenführers überzeugt, dass sein Vater sich gemeinsam mit seinen Stellvertretern, zwei ehemaligen katholischen Priestern, am vergangenen Dienstag nach Kanungu begeben habe, um sich zusammen mit seinen Anhängern umzubringen. Zuvopr hatte er lange Zeit nichts von seinem Vater gehört. "Die letzten Nachrichten von ihm erhielten wir 1997, als er ein Beileidsschreiben zum Begräbnis unseres Bruders Bennet schickte", sagte Rugambwe in dem Interview. "Wir fingen an, den Gerüchten zu glauben, wonach er schon lange tot sein sollte."

Ungewiss ist das Schicksal des früheren katholischen Priesters Dominic Kataribabo, dem zweiten Mann in der Sekte. Der "Bewegung für die Wiedereinsetzung der Zehn Gebote", die vor allem ehemalige katholische Gläubige anzog, hatten die ugandischen Bischöfe bereits 1990 verboten, die Messe zu feiern; einige Jahre später ließ sich die Bewegung als Nichtregierungsorganisation registrieren.

Der Massenselbstmord war offensichtlich von langer Hand vorbereitet gewesen. Die Mitglieder der Sekte hatten sich in den Tagen vor der schrecklichen Tat von ihren Angehörigen und Freunden verabschiedet.

In der schockierten ugandischen Öffentlichkeit ist denn am Montag die Frage nach der Verantwortung der Behörden aufgeworfen worden; die Erklärung des Innenministerium, künftig bei der Registrierung sorgsamer auf Ziele und Verhalten von Sekten dieser Art zu achten, ist immerhin eine Antwort auf diese Fragen. Kibweteere hatte bereits auf den 31. Dezember 1999 des Weltuntergang vorausgesagt gehabt. Als er nicht eintraf, scheint er den Jüngsten Tag für seine Anhänger selber festgelegt zu haben - auf den 17. März, den vergangenen Freitag also.

Der ugandische Präsident Yoweri Museveni hat am Montag den extremistischen Sektenführern in seinem Land den Kampf angesagt. Museveni verurteilte den Massenselbstmord der Sekte als "furchtbar, sinnlos und tragisch". Gegen religiöse Führer, die das Leben ihrer Anhänger gefährdeten, solle hart durchgegriffen werden, sagte Musevenis Sprecherin.

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