Ukraine : „Die Botschaft war: Ihr Idioten!“

Oksana Sabuschko las Tom Sawyer, während der KGB ihre Eltern bespitzelte. Ein Gespräch über die Macht nackter Körper, Völkermord und nationalistische Fans.

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Oxana Sabuschko. Foto: dpa
Oxana Sabuschko.Foto: dpa

Frau Sabuschko, Ihr Roman „Museum der vergessenen Geheimnisse“ wurde in Ihrer Heimat als „ukrainisches National-Epos“ bezeichnet ...

... und das war noch harmlos. Es hieß, das Buch gebe der Ukraine ihre Geschichte zurück, es sei der große Gesellschaftsroman, auf den das Land gewartet habe, es begründe eine neue ukrainische Identität.

Wow! Sehen Sie das auch so?

Ich würde sagen: Wie ein Buch wahrgenommen wird, sagt mehr über die Leser aus als über das Buch. Die Reaktionen besagen wohl in erster Linie, dass die Ukraine um ihre Identität ringt.

Leonid Krawtschuk, der bis 1994 Präsident der Ukraine war, erzählte, er habe Ihr Buch im Urlaub gelesen – und brauche jetzt gleich noch mal Urlaub, um sich davon zu erholen.

Er wurde in einem Fernsehinterview nach seinen kulturellen Interessen gefragt und musste irgendetwas sagen. Bücher von Oksana Sabuschko zu lesen, ist in der Ukraine inzwischen eine Art Chiffre für Intellektualität, weil meine Sprache nicht ganz einfach ist. Also erklärte Krawtschuk, er habe im Urlaub das „Museum der vergessenen Geheimnisse“ gelesen, die Lektüre sei nicht einfach gewesen, und nun brauche er erst einmal eine Ruhephase, um das Buch zu verdauen.

Kurz: Er hatte es gar nicht gelesen.

Das nehme ich stark an, denn sonst wäre ihm aufgefallen, dass er selbst als Präsident darin vorkommt und nicht besonders schmeichelhaft geschildert wird.

Wenn man bei Amazon nach Ihren Büchern sucht und sich beim Vornamen vertippt, bekommt man statt Literatur die „Sexpuppe Oxana“ angeboten, 22,95 Euro, „weich, anschmiegsam, zu allem bereit, geeignet für Vaginal- und Analverkehr...“

Da sehen Sie, was westlichen Männern zu ukrainischen Frauennamen einfällt.

Die Aktivistinnen der Frauenbewegung „Femen“ demonstrieren seit Jahren gegen westlichen Sextourismus. Meist treten sie dabei nackt auf.

Die Ziele von „Femen“ finde ich ehrenwert, aber ihre Aktionen sehe ich skeptisch. Es ist eine alte feministische Tradition, den weiblichen Körper als Waffe einzusetzen, um männliches Denken zu kritisieren – das habe ich früher selbst gemacht, als ich noch jung und hübsch war. Aber ein nackter Körper ist ein sehr starkes Bild. Wer es überreizt, erzielt den gegenteiligen Effekt. „Femen“ werden inzwischen als diese jungen, hübschen Dinger aus der Ukraine wahrgenommen, die sich überall ausziehen. Ihre Fotos erfüllen in den Medien die gleiche Funktion wie die Werbeanzeigen der Sexindustrie.

Sie selbst sind anders vorgegangen?

In den 90er Jahren hatte ich eine Art feministische Uniform, die ich bei akademischen Konferenzen trug. In der Ukraine ist es für junge Frauen nicht leicht, sich bei solchen Veranstaltungen Gehör zu verschaffen, man wird als Sexobjekt gesehen, nicht als Intellektuelle. Also trug ich ein schwarzes Clubjackett mit weißem Kragen, wie ein Schulmädchen, dazu ein sehr kurzes Cocktailkleid, schwarze Strumpfhosen, hohe Absätze und eine strenge Brille.

Das muss toll ausgesehen haben.

Wenn ich den Raum betrat, hatte ich sofort die Aufmerksamkeit des männlichen Publikums. Aber dann tritt dieses hübsche Ding plötzlich ans Podium und wirft scharf formulierte, schneidend intelligente Sätze in den Raum. Die Botschaft war: Ihr habt gesehen, was ihr wolltet, das war’s, jetzt geht’s zur Sache. Oder kürzer: Ihr Idioten!

In Ihrem jüngsten Essayband „Planet Wermut“ erzählen Sie von einem Mann, der sich Ihnen bei einer Veranstaltung als „Verehrer“ vorstellte ...

... und als ein Bekannter meiner Mutter. Ich fand erst später heraus, was für ein Bekannter das war: Ein ehemaliger KGB-Mitarbeiter, der in den 70er Jahren meine Eltern verhört hatte.

Hatte er Gewissensbisse, als er vor Ihnen stand?

Im Gegenteil, er war stolz, die Eltern einer berühmten Literatin „gekannt“ zu haben. Wissen Sie, die Erinnerung ist eine zerbrechliche Angelegenheit. Menschen neigen dazu, die schlimmen Dinge, die sie anderen Menschen angetan haben, einfach zu vergessen. Sie belügen sich selbst, weil das auf Dauer weniger zeit- und energieraubend ist, als andere zu belügen.

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