Ukraine : Im wilden Osten Europas

Im nächsten Jahr findet die Fußball-Europameisterschaft in Polen und der Ukraine statt. Doch wie ist es bestellt um die Ukraine, oft als Armenhaus Europas verschrien? Der Versuch einer Antwort von innen heraus.

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Blau und Gelb. Am 24. August feiern die rund 46 Millionen Einwohner der Ukraine jedes Jahr den Nationalfeiertag.Alle Bilder anzeigen
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16.02.2011 13:08Blau und Gelb. Am 24. August feiern die rund 46 Millionen Einwohner der Ukraine jedes Jahr den Nationalfeiertag.

Die Furcht vor dem Osten ist tief im europäischen Bewusstsein verankert. Kalter Krieg, Tschernobyl und Horrormeldungen über Staatswillkür und HIV-Raten haben ihre Spuren hinterlassen. Die Krone wurde dem Ganzen aufgesetzt, als Polen und die Ukraine den Zuschlag für die Fußball-EM 2012 bekommen haben. Jetzt war die Angst vor dem Osten endgültig in der Mitte der deutschen Gesellschaft angekommen, beim Fußballfan: Sind die Europa oder was? Das Endspiel einer Europameisterschaft 200 Kilometer von einem Beton-Sarkophag entfernt und dabei ist ja völlig unklar, wie ein wirtschaftlich darbendes Land ein solches Großereignis überhaupt schultern soll.

Schon die Ankunft am internationalen Flughafen Kiew-Borispol lässt bei Reisenden Zweifel aufkommen, ob man in einer internationalen Metropole vom Range Mailands gelandet ist oder sich doch eher in einem etwas größeren Osnabrück befindet. Über die einzige Autobahn des Landes geht es hinein in die "Mutter aller russischen Städte" - Kiew. Ja, so wird die 2,5 Millionen-Einwohner-Stadt tatsächlich genannt. Die über Jahrhunderte hinweg gemeinsame Geschichte mit dem heute ungeliebten großen Nachbarn äußert sich nicht nur in religiösen und kulturellen Ähnlichkeiten, auch grimmige Plattenbauten haben die Außenbezirke von Kiew zu bieten. An diesen vorbei donnern SUV's und Jeeps über Schlaglöcher in Richtung Innenstadt, in der sich das Leben abspielt.

So weit der Osten – so weit die stimmenden Klischees. Die Menschen in der Stadt unterhalten sich leiser als im Westen, es herrscht ein gedämpfter Halbflüsterton, die wenigen Touristen fallen allein durch ihre Lautstärke auf, nicht erst durch die Sprache. Wird hier die Privatsphäre mehr geschätzt oder ist es ein Relikt aus alten KGB-Zeiten – vielleicht sogar diese neue Angst, die Beobachter ausmachen, seit der pro-russische Präsident Viktor Janukowitsch Anfang des Jahres an die Macht gewählt wurde? Jener vorbestrafte Mann, der 2005 noch mit orangen Fähnchen und landesweiten Protestaktionen wegen Wahlbetruges vom Volk davon gejagt wurde.

Die schmutzige Wäsche des neuen Machthabers und seiner hinter ihm stehender Oligarchen aus dem Osten des Landes – dem Osten des Ostens sozusagen – wird täglich von mehreren Tageszeitungen gewaschen, die allerdings vor allem von dem gelesen werden, was von der Intelligenzija übrig geblieben ist. "Wir müssen konstatieren, dass die Selbstzensur in unserem Land wesentlich weiter ausgeprägt ist als die Zensur im eigentlichen Sinne des Wortes", schreibt Julija Mostovaja, die Vize-Chefredakteurin von Zerkalo Nedeli, einer Publikation, die wöchentlich und wortgewaltig gegen Janukowitschs Regierung wettert und ihn in einer Karikatur schon mal gemeinsam mit Putin in eine mit Hammer und Sichel bestickte Unterhose klettern lässt.

Bedroht oder fremdbestimmt wird beim Spiegel der Woche (so die Übersetzung des Namens) in den zwei Monaten meiner Mitarbeit niemand, vielmehr machen die niedrige Auflage und daraus resultierende finanzielle Sorgen dem Blatt zu schaffen. Besondere Brisanz verströmen viele Artikel, weil die in Deutschland übliche strikte Trennung von Nachricht und Meinung in dieser Form nicht existiert. Doch war die Ukraine nicht erst dieses Jahr im Ranking der Reporter ohne Grenzen weltweit größter Absteiger? Hinter dem Irak, Kambodscha und Simbabwe liegt das Land nun auf Platz 131, vor allem der Fall des verschwundenen und wohl ermordeten Reporters Wasily Klementjew sorgte für die Abstufung.

Klementjew recherchierte zu Korruptionsthemen und stellte lokale Behörden vor Probleme – man kennt solche Geschichten aus Russland. Auch sonst fallen Analogien auf, angezogen werden die Schrauben vor allem beim Fernsehen mit zweifelhaften Maßnahmen wie dem Entzug von Sendelizenzen und der Neubestuhlung von Chefetagen; die Presse dagegen lässt man "spielen". "Die Übergriffe nehmen zu, der Pluralismus ab und die Situation in einigen ländlichen Gegenden ist katastrophal", bilanziert Oksana Romanjuk, die Ukraine-Beauftragte der Reporter ohne Grenzen. Während des Telefonats quengelt im Hintergrund ein Kind, fahren Straßenbahnen vorbei und in Romanjuks Stimme ist vor allem Trotz, keine Furcht. Noch sei es nicht so streng wie in Russland, sagt sie und fügt hinzu, dass ich vorsichtig sein soll.

Die autoritären Tendenzen des ukrainischen Staates sind mit Zahlen schwer zu belegen. Wie furchterregend dieser für seine Bürger und europäischen Bedenkenträger ist, bleibt wahrscheinlich eine Einstellungsfrage. Für Alexander Wolodarskij ist der Fall ziemlich klar, der Blogger und Künstler liegt seit Jahren mit den Behörden in einem ungleichen Clinch. Um gegen einen "Porno-Paragraphen" zu demonstrieren, mit dem illegale Erwachsenen-Unterhaltung bekämpft werden soll, aber in der Realität vor allem ungeliebte Meinungen aus der Öffentlichkeit verbannt werden, wählte er die Provokation. Mit einer Partnerin simulierte Wolodarskij vor dem Parlament nackt den Geschlechtsakt, der Staatsanwalt wollte ihn dafür für mehrere Jahre ins Gefängnis stecken. In der Untersuchungshaft bekam er eine Lungenentzündung, der Prozess glich einer Farce nach ganz "klassischen" Mustern.

Auf seinem Rücken hat der junge Mann mit den schulterlangen Haaren "Eto vam ne Evropa" tätowiert, was sinngemäß "Ihr seid hier nicht in Europa, verstanden?" heißt und von ukrainischen Beamten gerne ausgerufen wird, wenn jemand sein Recht erstreiten will. "Ein Hauptproblem dieses Landes ist der Glaube seiner Bürger, dass Freiheit und gutes Leben sich ausschließen", sagt Wolodarskij. Zusammen mit anderen Künstlern, gegen die ebenfalls seit Jahren wegen harmloserer Protestaktionen prozessiert wird, hat er das Gerichtsexperiment gestartet, eine Mischung aus Ausstellung und Protest-Forum, die an einer Kiewer Universität ihr Zuhause gefunden hat. Hier werden Gerichtsakten ebenso ausgehängt wie bemalte Teller, auf denen ein Polizist einem jungen Mann durch ein dickes Buch mit der Faust auf den Kopf schlägt. Ein Kommentar zum nationalen Gesetzbuch, lautet das dazugehörige Sprechblasen-Zitat. Immerhin, Anstalten das Gerichtsexperiment zu beenden, habe der Staat bislang nicht gemacht, so Wolodarskij.

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