• Uli Hoeneß und die Börse: Der große Reiz des Zockens - warum Erfolgreiche gefährdet sind

Uli Hoeneß und die Börse : Der große Reiz des Zockens - warum Erfolgreiche gefährdet sind

Wen die Börse reich macht, wen arm: Psychologen wissen, warum erfolgreiche Männer besonders gefährdet sind, Geld zu verlieren. Was das alles mit Uli Hoeneß zu tun hat? Wir veröffentlichen hier aus Anlass des Prozesses einen Beitrag vom Mai des vergangenen Jahres.

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Steigende Kurse locken Anleger. Selbst professionelle Trader können mit Gewinnen und Verlusten oft nicht richtig umgehen.
Steigende Kurse locken Anleger. Selbst professionelle Trader können mit Gewinnen und Verlusten oft nicht richtig umgehen.Foto: AFP

Uli Hoeneß schaute nach. Winzige Zahlen flimmerten auf dem kleinen Bildschirm in seiner Hand. Diese kleinen Zahlen elektrisierten ihn mehr als das Spiel seiner geliebten Mannschaft, die gerade Eintracht Frankfurt zeigte, wie man Fußball spielt. Den FC-Bayern-Chef interessierte plötzlich etwas ganz anderes.

Die Beichte von Uli Hoeneß in der "Zeit" zeigt, wie ein Mann der Börse verfallen kann

Die Beichte, die Uli Hoeneß in der „Zeit“ ablegte, zeigt, was Menschen passieren kann, die der Börse verfallen. „In den Jahren 2002 bis 2006 habe ich richtig gezockt, ich habe teilweise Tag und Nacht gehandelt, das waren Summen, die für mich heute auch schwer zu begreifen sind“, sagte er. „Das war der Kick, das pure Adrenalin.“

Wen macht die Börse reich? Wen arm? Psychologen haben eine Antwort darauf. Uli Hoeneß sagte der „Zeit“ auf die Frage, warum er nach 2006 weniger zockte: „Ich habe zu viele Verluste gemacht. Ich konnte nicht mehr so viel zocken. Und dann kam im Jahr 2008 die Finanzkrise, und da ging es endgültig in den Keller.“

Uli Hoeneß gehört zu einer Gruppe von ganz besonders gefährdeten Männern - den erfolgreichen

Es geht hier nicht um die Frage, ob Hoeneß mit seiner Suchtschilderung Mitleid erregen, sich herausreden oder relativieren will. Es geht auch nicht um Steuerhinterziehung, um Moral oder die Schweiz. Es geht darum, was Anleger vom Fall Hoeneß lernen können, wenn sie sich nicht ruinieren wollen.

Verfolgt Kurse während des Spiels. Uli Hoeneß handelte Tag und Nacht.
Verfolgt Kurse während des Spiels. Uli Hoeneß handelte Tag und Nacht.Foto: IMAGO

Uli Hoeneß hat nach eigenen Angaben beim Zocken an der Börse hohe Verluste gemacht. Experten wundert das nicht. Hoeneß gehört zu einer Gruppe von Männern, die besonders anfällig dafür sind. Es handelt sich um Männer, die in ihrem eigentlichen Beruf großen Erfolg haben, weil sie ihre Geschicke und ihre Umgebung erfolgreich steuern können. Sie können mit Menschen umgehen und führen sie zu einem Ziel. Der Erfolg führt zu der Illusion, auch die Börse steuern zu können. Das ist ein fataler Trugschluss. Niemand kann die Börse steuern. Niemand kann die Zukunft vorhersagen. Die Börse denkt nicht, sie passt sich niemandem an, und was der Anleger denkt, ist ihr egal.

Was genau ist es, das den erfolgreichen Mann gezielt ins Verderben führt? Es gibt inzwischen sehr viel Literatur zu diesem Thema. Wie wichtig das Thema genommen wird, zeigt die Tatsache, dass einer der wichtigsten Forscher auf dem Gebiet, Daniel Kahnemann, einen Nobelpreis für seine Arbeit erhielt.

Christoph Wahlen ist ein Praktiker. Der gelernte Diplomkaufmann und Psychologe berät Trader, genauer: Day-Trader. Das sind Leute, die mit dem Handel an der Börse Geld verdienen wollen, indem sie innerhalb eines Tages – und oft bei Nacht – ganz oft ein- und wieder aussteigen. Bei vielen seiner Klienten macht Christoph Wahlen ähnliche Erfahrungen. Jeder Anleger erlebt sehr bald, dass ein Trade ins Minus läuft. Wenn ein in seinem normalen Beruf erfolgreicher Mann an der Börse so etwas erlebt, dann will er das nicht wahrhaben. „Der Verlust ist mit seinem Selbstbewusstsein nicht vereinbar, er will sein Gesicht nicht verlieren“, sagt Wahlen. Hat der Mann gar einen Hang zur Rechthaberei, dann wird es noch schlimmer. „Ich hatte immer recht, ich habe auch jetzt recht“, denkt er sich. Er will seinen Willen bekommen, so wie er ihn auch im übrigen Leben bekommt. Christoph Wahlen schildert, was nun passiert: „Anstatt dass der Mann mit einem kleinen Verlust aussteigt – mit einer vorher gesetzten Stopp-Order –, hält er an seiner Verlustposition fest. Der Kurs sinkt immer weiter, immer größer wird der Schmerz, im beginnenden Angstrausch redet er sich immer mehr ein, er könne am Ende doch noch recht behalten.“ Am Ende aber kann der Verlust gravierend sein. Statt sich einzugestehen, dass man immer mal falsch liegt an der Börse und kleinere Verluste dazugehören, kommt es zu großen Verlusten. Dabei kommt der sogenannte Rückschaufehler zum Tragen. „Ich bin rational, ich bin cool“, sagt sich der Mann. Er weiß das, weil er das im Beruf tatsächlich ist. Folgt ihm aber die Börse nicht, wie seine sonstige Umgebung, „ist er weder rational noch cool, und es ist schwerer, sich einen Fehler einzugestehen“, sagt Wahlen.

Was ist schlimmer, als der Verlust? Der Gewinn

Es gibt etwas, das noch schlimmer ist, als der Verlust. Es ist der Gewinn. Ein zufälliger anfänglicher Gewinn – die Wahrscheinlichkeit ist etwa 50 : 50, da kommt es ab und zu zu Gewinnen, ja sogar zu Gewinnserien – wird von einem erfolgreichen, optimistischen Mann dem eigenen Können zugeordnet, der eigenen Cleverness, der eigenen Überlegenheit. Es entsteht eine Euphorie und die Illusion, die Dinge in der Hand zu haben, wächst. Wahlen macht diese Erfahrung selbst mit solchen Klienten, die eigentlich ziemlich beherrscht sind. „Sie denken plötzlich, ,ich bin der Größte, ich kann alles’ und dann lassen sie sich vom Erfolg verführen, die eigenen Anlage-Regeln zu missachten.“ Dann gehen sie immer höhere Risiken ein, es kommt zu immer höheren Einsätzen. Dreht dann eine Position ins Minus, steht ein zu hoher Einsatz auf dem Spiel, entsprechend hoch ist dann der Verlust.

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