Ulrich Wickert im Interview : „Man traut den Deutschen sogar Humor zu“

Ulrich Wickert hatte auf Strauss-Kahn als Präsidenten gewettet – und verloren. Ein Gespräch zur Wahl in Frankreich über Käse, Swinger-Clubs und eine rosa Brille.

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Ulrich Wickert.
Ulrich Wickert.Foto: picture alliance / E54

Herr Wickert, hatten Sie eine geruhsame Nacht?

Ja, warum?

Weil Sie gerade Vater wurden – von Zwillingen.
Meine Frau und ich haben das ganz gut organisiert. Ich hatte meine sieben Stunden Schlaf. Aber das soll bitte nicht unser Thema sein. Sie wollten mit mir über Frankreich reden.

Sie halten es mit Ihrem Privatleben also wie die französischen Politiker: Das geht die Medien nichts an.
Eine der wichtigsten französischen Tugenden nennt sich „discrétion“. Das finde ich wunderbar. Man rückt dem anderen privat nicht zu nahe. Dass sich Nicolas Sarkozy im Urlaub auf der Yacht eines Industriellen und nach seiner Hochzeit mit Carla Bruni in Disneyland fotografieren ließ, fanden die Franzosen empörend. Inzwischen hat Sarkozy das kapiert und behält sein Privatleben für sich.

Als Bill Clinton wegen seiner Affäre mit einer Praktikantin unter Druck geriet, sagte der ehemalige französische Premierminister Michel Rocard: „Meine Güte – da müsste bei uns ja das komplette Kabinett zurücktreten.“
In den 70er Jahren, als ich noch Paris-Korrespondent war, besuchte ich manchmal auf dem Nachhauseweg meinen Freund Claude Angeli, den Chefredakteur der Satirezeitschrift „Canard Enchaîné“. Eines Tages zeigte er mir einen Stapel Fotos: Ein französischer Politiker höchsten Ranges mit einer Dame des öffentlichen Gewerbes in einer Jagdhütte im zentralafrikanischen Dschungel. Ich fragte Claude: Mensch, was machst du jetzt damit? Nichts, sagte er. Wenn die Frau eine israelische Spionin wäre, wäre es eine Geschichte. Alles andere ist sein Privatleben.

Die Franzosen haben es sogar hingenommen, dass François Mitterand eine Zweitfamilie hatte.
Schon Jahre bevor Mitterand gewählt wurde, wusste ich, dass er jeden Sonntagmittag um zwölf mit einem Baguette unterm Arm in die Rue Jacob Nummer 46 ging, da lebte seine Geliebte mit dem gemeinsamen Kind. In der Nummer 48 wohnte eine Bekannte von mir, die hat es mir erzählt.

Als Paris-Korrespondent hätten Sie daraus eine Riesen-Story machen können!
Nein. Weil man das einfach nicht tat.

Sie sind kein Franzose, Sie hätten sich an diese Regel nicht halten müssen.
Trotzdem. Würde ich nie machen.

Und wenn Sie über das Privatleben von Dominique Strauss-Kahn informiert gewesen wären?
Naja, das war etwas anderes als ein Schäferstündchen in einer Jagdhütte. Wegen Strauss-Kahn habe ich eine Wette verloren. Ende 2010 saß ich mit einer französischen Bekannten beim Abendessen, wir spekulierten, wer Präsidentschaftskandidat der Sozialisten wird. Ich sagte: Strauss-Kahn, klarer Fall. Nie im Leben, sagte meine Bekannte, der Typ ist unglaublich. Sie erzählte mir, dass er sich in Swinger-Clubs rumtreibt und all solche Sachen, sie meinte: Eines Tages wird das auffliegen, und dann ist er futsch. Quatsch, sagte ich, ich kenne doch die Franzosen. Jetzt schulde ich ihr ein Mittagessen.

Bei der heutigen Wahl treten die Sozialisten mit François Hollande an, einem blassen Bürokraten.
Viele Franzosen sagen über ihn: Il ne fait pas le poids. Er hat nicht das „Gewicht“, das man in Frankreich von einem Präsidenten erwartet. Mitterrand hatte das, Chirac hatte es, Strauss-Kahn hätte es gehabt, Sarkozy hat es durch seine Dynamik zumindest vorgetäuscht.

Der Präsident soll immer noch der König sein?
Da haben Sie recht. Das Bürgertum hat den Adel gestürzt, aber nicht, um dessen Privilegien abzuschaffen, sondern um sie zu übernehmen. Der Politologe René Remond erzählt in einem seiner Bücher die Geschichte eines Bauern, der gefragt wird: Bist du für die Revolution und für die Republik? Und der antwortet: Klar – Hauptsache, Napoleon ist König. Als ich François Mitterrand nach seiner Wiederwahl mit diesem Satz konfrontierte, sagte er: „Ah, sehen Sie, so sind die Franzosen: Sie wollen immer einen König!“ Er fügte dann natürlich eilig hinzu, er selbst sei kein König. Aber der Satz steht für sich.

Will deshalb jeder französische Junge Präsident werden?
In den 70er Jahren gab es mal ein Werbeplakat einer Versicherung, da sah man einen französischen Vater mit Baskenmütze, und neben ihm seinen kleinen Sohn, der sagte: „Papa, je veux devenir président!“ Valéry Giscard d'Estaing schrieb in seinem Abituraufsatz: Berufsziel Präsident. Sarkozy soll sich das jeden Morgen beim Rasieren gewünscht haben, auch von Hollande heißt es, er habe als Junge gesagt: Ich werde Präsident.

Deshalb haben die auch alle an denselben Pariser Elitehochschulen studiert.
Netzwerke sind in Frankreich sehr wichtig. Das gilt für Eliteschulen wie die Pariser ENA und die Sciences Po genauso wie für die klassische französische Großfamilie. Man sorgt füreinander, man verhilft sich gegenseitig zu Jobs. Selbst in der Politik sind Studienfreundschaften oft wichtiger als die Parteizugehörigkeit.

Sie lächeln, als hätten Sie Verständnis für diese Art von Gekungel.
Habe ich auch. Auch wenn es natürlich ein Kastendenken ist, das selbst den Franzosen manchmal zu viel wird. Sarkozy war der erste Präsidentschaftskandidat, der im Wahlkampf stolz verkündete: Ich war nicht auf der ENA! Und alle haben gesagt: Oh là là, jetzt kommt mal ein ganz anderer!

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